Die Baustellen von Borussia Mönchengladbach

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Borussia Mönchengladbach
Nordpark Stadion Borussia Mönchengladbach - mr.schnabel - CC BY-SA 2.0

Es war verdammt bitter für die Fans von Borussia Mönchengladbach. Das Team, das im vergangenen Jahr sensationell Platz 3 belegte und eine gelungene Vorbereitung spielte, ging im ersten richtigen Härtetest der neuen Saison im Dortmunder Signal-Iduna-Park sang- und klanglos mit 0:4 unter. Und es hätte noch viel schlimmer kommen können. Viele rieben sich verwundert die Augen, denn damit hatten nur sehr wenige gerechnet. Dabei war ein Sieg der Dortmunder, wenn auch nicht in dieser Höhe, durchaus absehbar, denn Borussia Mönchengladbach hat noch viele Baustellen.

Hier ist in erster Linie die Innenverteidigung zu nennen. Da die etatmäßigen Akteure Martin Stranzl (Knieprobleme) und Álvaro Dominguez (anhaltende Rückenbeschwerden) nicht zur Verfügung standen, setzte Coach Lucien Favre auf den noch jungen und Bundesliga-unerfahrenen Marvin Schulz (bis im letzten Jahr noch für Gladbachs U23 aktiv) und die ebenfalls erst 20-jährige Chelsea-Leihgabe Andreas Christensen. Dies war eine sehr mutige Entscheidung, vielleicht sogar zu mutig. Denn die Alternative wäre gewesen, den erfahrenen Tony Jantschke, der gegen Dortmund auf der rechten Abwehrseite agierte, in die Innenverteidigung zu ziehen und dafür Julian Korb auf rechts aufzubieten. In dieser Konstellation ist man in der vergangenen Saison häufiger erfolgreich aufgelaufen. Viel mehr Alternativen hätte Favre jedoch nicht gehabt, denn Routinier Brouwers ist zu langsam für das wendige Dortmunder Angriffsspiel und Neuzugang Nico Elvedi ist noch immer verletzt. Die Innenverteidigung ist somit definitiv eine Baustelle der Gladbacher. Diese Woche gab man zwar die Verpflichtung des Berliner U21-Nationalspielers Nico Schulz bekannt, ob der jedoch die erhoffte Qualität bringen wird, darf bezweifelt werden, zumal er auf der Position des Linksverteidigers angestammt ist. Das Problem wird sich von alleine lösen, wenn Stranzl und Dominguez zurückkehren, doch ist dies keine Lösung auf Dauer, denn die jungen Neuzugänge werden Stranzl, der kurz vor seinem Karriereende steht, zukünftig ersetzen müssen.

Doch es wäre zu kurz gedacht, wenn man die Schuld allein auf die Innenverteidigung der Gladbacher Borussia schieben würde, denn vor allem im defensiven Mittelfeld wurden viele Fehler gemacht. Man hatte den Eindruck, die Balance zwischen Offensive und Defensive stimmte nicht so ganz. Der Grund dafür: Im vergangenen Jahr bildeten Granit Xhaka und Christoph Kramer ein kongeniales Duo: Xhaka war der geniale Spielgestalter mit den traumhaften Pässen, der sich allerdings hin und wieder einen Lapsus erlaubte. Ihm zur Seite stand jedoch der Weltmeister Kramer, der unermüdlich wie ein Leichtathlet ackerte und dadurch den ein oder anderen Fehler Xhakas ausbügelte. Nach Kramers Weggang zu Bayer Leverkusen wurde die Lücke vom ehemaligen Hannoveraner Lars Stindl geschlossen. Der spielte eine grandiose Vorbereitung und ist aus dem Team schon heute nicht mehr wegzudenken. Im Vergleich zu Kramer ist er jedoch deutlich offensiver und dadurch auch torgefährlicher, was allerdings zu Lasten der Defensivarbeit geht. Dadurch wirkte die Fohlenelf nicht so kompakt wie im vergangenen Jahr, wodurch dann auch die Innenverteidigung als letzte Instanz machtlos war.

Da Stindl jedoch gesetzt sein dürfte, bliebe die Alternative, ihn offensiver einzusetzen und einen anderen Spieler im defensiven Mittelfeld aufzubieten. Beispielsweise Havard Nordtveit, der diese Position in der vergangenen Saison als Vertreter für Kramer bei Bedarf solide ausgefüllt hat, wenn er gebraucht wurde, oder aber auch der junge und aufstrebende Mo Dahoud. Will man Stindl jedoch offensiver einsetzen, dann dürfte dies nur im Zentrum möglich sein. Demzufolge müsste entweder Raffael oder Neuzugang Josip Drmic weichen. Dass Raffael aus der Startelf fliegt, ist angesichts seiner starken Leistungen unwahrscheinlich. Dafür käme eher Drmic in Frage, der als Ersatz für den nach Wolfsburg abgewanderten Max Kruse geholt wurde. Anders als Kruse, der auch sehr viel im Mittelfeld agierte, ist Drmic ein klassischer Mittelstürmer. Dass es Favre schwer fällt, solch einen Spielertypus in sein System zu integrieren, wurde deutlich bei Luuk de Jong, dem dies nie gelungen ist. Die zwei entscheidenden Fragen werden also sein: Erstens, schaffen es Drmic und das System Favre, sich so weit aufeinander zuzubewegen, dass es harmoniert? Und zweitens, wie viel Geduld wird Favre dabei haben? Bisher agierte Drmic größtenteils glücklos, und sollte dies so bleiben und sollten die entsprechenden Ergebnisse ausbleiben, dann könnte Lucien Favre sich dazu gezwungen sehen, Drmic auf die Bank zu setzen. Keine leichte Entscheidung, angesichts der 10-Millionen-Investition. Stindl könnte gemeinsam mit Raffael im offensiven Zentrum wirbeln – dass sie das können, haben sie in der Vorbereitung schon eindrucksvoll bewiesen. Doch auch der Hoffnungsträger Thorgan Hazard wird da ein Wörtchen mitreden wollen.

Als Stindl in der zweiten Halbzeit der ersten Pokalrunde gegen St. Pauli etwas offensiver agierte, zeigte sich, wie gut er mit Ibrahima Traoré harmoniert. Traoré ist der große Gewinner der Vorbereitung, so dass es ihm für’s Erste gelang, Patrick Hermann den Stammplatz im rechten Mittelfeld wegzunehmen. Zunächst dachte man, Hermann rücke dafür auf links, doch da setzt Favre bisher wie in der letzten Saison auf den US-Amerikaner Fabian Johnson. Im Ergebnis sitzt Patrick Hermann aktuell nur auf der Bank, was zu viel Unruhe im Umfeld führt, da er einer der absoluten Leistungsträger im vergangenen Jahr war und zum Neu-Nationalspieler avancierte. Da Johnson am kommenden Wochenende im Spiel gegen Mainz aufgrund eines Muskelfaserrisses fehlen wird, ist zu erwarten, dass Hermann wieder in die Startelf rückt..

Was ist aber die Quintessenz und welche Schlüsse zieht man daraus? Zunächst einmal, dass Borussia Mönchengladbach mittlerweile in der Breite wahnsinnig gut aufgestellt ist. Lucien Favre kann zwischen vielen nahezu gleichwertigen Alternativen wählen. Das wird er auch müssen, denn die Dreifachbelastung aus Meisterschaft, Pokal und Champions League wird ihren kräftemäßigen Tribut fordern. Man darf nicht vergessen, dass in den vergangenen Jahren kaum eine Mannschaft so sehr vom Verletzungspech verschont blieb wie die Borussia. Jetzt, wo es aktuell in der Innenverteidigung einige Ausfälle gibt, sieht man, dass damit immer auch ein Qualitätsverlust verbunden ist. Diesen drohenden Qualitätsverlust in Verbindung mit der Dreifachbelastung gilt es zu meistern.

Doch die Niederlage gegen Dortmund wird hoffentlich auch einige abgehobene Gladbach-Fans auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Man darf nie vergessen, dass Platz 3 in der Vorsaison nur deshalb möglich war, weil der BVB eine katastrophale Hinrunde spielte und Schalke 04 eine katastrophale Rückrunde. Auch Bayer Leverkusen kam aufgrund des Trainerwechsels lange nicht so wirklich in Tritt. Im Ergebnis sind alle drei Teams leistungsmäßig noch vor Gladbach zu sehen. Dies gilt sowieso für den FC Bayern und den VfL Wolfsburg. Aufgrunddessen, und aufgrund der beschriebenen Dreifachbelastung, müsste man einen Tabellenplatz 6 am Saisonende als absoluten Erfolg werten. Weiter nach oben geht es nur dann, wenn die fünf etablierten Teams schwächeln, und auch wenn es am Ende Platz 9 werden sollte, so müsste man zufrieden sein. Dass die Gladbacher Verantwortlichen genau dies als Saisonziel ausgeben, zeugt aber davon, dass sie, anders als viele Fans, die Bodenhaftung nicht verloren haben und weiterhin solide und unbeirrt arbeiten werden ohne einem falschen Größenwahn zu verfallen. Und die wichtigste Botschaft ist: Sollte die Gladbacher Führungsriege weiterhin so geschickt agieren, dann wird man den Abstand zu den großen Fünf kontinuierlich reduzieren.

Über den Autor

*1986, Master of Arts in Versicherungswesen, Führungskraft in einem internationalen Versicherungskonzern, Schwerpunkte: Sport, Lateinamerika & Südeuropa


1 Kommentar

  1. cabron

    Immer dieser Blödsinn!
    Mall nachgesehen welchen Platz man mit den 66 Punkten so erreicht?
    In den letzten Jahren hätte das IMMER! für Platz 3 ausgereicht!, und mit 36 Punkten aus der Rückrunde und einer ähnlich guten Vorrunde spielt man in vielen Jahren um die Meisterschaft !
    Wenn man eine solch gute Saison spielt wie Letztes Jahr, dann spielt man um die CL!
    Da haben schlechte Leistungen Anderer keinerlei Einfluss drauf, höchstens außergewöhnlich gute!

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