Die große Leere des Atheismus

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By darwin Bell from San Francisco, USA (nothing is nothing Uploaded by Fæ) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Ich bin Atheist. Das bedeutet ich bin ohne Gott. Ohne Gott… das klingt so als würde mir etwas fehlen. Etwas das andere haben, bei sich tragen und auf das sie sich im Zweifelsfall verlassen können. Fehlt mir ein Gott an den ich mich wenden kann, der mir Sinn stiftet, der mir Halt gibt? Beraubt mein Atheismus, mein Sinn für Fakten, mein steter Zweifel an allem nicht Bewiesenen mich um etwas, dass andere haben?

Für mich gibt es keine Wiederauferstehung. Keine ewig währende Seele. Keinen Himmel. Keine Hölle. Kein Paradies und auch keine Wiedergeburt. Wenn eines Tages mein Leben endet bleibt nichts von meiner Persönlichkeit zurück. Mit dem Tod meiner letzten Synapse ist meine Identität, mein Bewusstsein, alles was mich als Mensch auszeichnet unwiederbringlich verloren. Ziemlich trostlos? Ich finde nicht. Denn wenn ich will, dass trotzdem etwas von mir auf diesem Planeten bleibt, dann muss ich dafür arbeiten. Wenn ich will, dass meine Ansichten überdauern, dann muss ich für sie kämpfen. Wenn ich will, dass meine Gedanken, meine Ideen und meine Persönlichkeit auch über meinen Tod hinaus etwas für diese Welt bedeuten, dann bin ich der einzige der dafür auch etwas tun kann. Ich bin selbst dafür verantwortlich etwas zu schaffen, das überdauert. Ich kann durch meine Taten, mein Handeln mein Wesen andere Menschen dazu bringen sich an mich zu erinnern. Versteht man jede menschliche Persönlichkeit als Idee, dann ist es sehr wohl möglich, dass auch Menschen ihren Tod überdauern und ewig leben. Aber eben nicht weil eine übernatürliche Gottheit dies für richtig erachtet, oder weil eine unsterbliche Seele dies verantwortet, sondern weil man etwas getan hat, an das andere sich erinnern. Julius Caesar, Aristoteles, Platon, Hildegard von Bingen, Heinrich der 8. von England, Albert Einstein sind nur einige Persönlichkeiten die durch ihr Leben und ihr wirken weit über ihren Tod hinaus überdauert haben. Will ich also überdauern, quasi ewig leben, muss ich “nur” etwas tun, dass bedeutung hat. Meine eigene Leistung sorgt also am Ende dafür, was von mir bleibt. Da kommt einem Schnell der Spruch “Leistung muss sich lohnen” in den Kopf. Und tatsächlich empfinde ich diesen Aspekt meiner “Gottlosigkeit” zutiefst übereinstimmend mit der philosophie des politischen Liberalismus.

Aber nun gut, noch bin ich nicht tot und bis dahin wird es auch noch ein Weilchen dauern (Der Gläubige würde nun anfügen: “So Gott will.”) Nachdem ich mich versichert habe, dass es auch für mich, ohne Gott ein Leben nach dem Tod gibt, dass ich selbst bestimmen kann, ist es Zeit, sich meinen anderen Defiziten zuzuwenden. Was tue ich eigentlich, wenn mir Orientierung fehlt? Wenn ich halt brauche oder nicht weiß was ich tun soll? Naja, klingt jetzt irgendwie banal, aber entweder ich rede mit Freunden oder meiner Familie darüber. In den meisten Fällen reicht aber auch eine einfache persönliche Abwägung. Das Werkzeug der Logik, schon von den alten Griechen benutzt, hilft mir in fast allen Situationen weiter und was noch viel wichtiger ist, ist die Einstellung “Scheitern gehört dazu”. Ich bin fest davon überzeugt, dass man in den meisten Situationen weder “richtig” noch “falsch” handeln kann. Es gibt keinen vorgefertigten Weg auf dem man sein Leben einfach gehen kann und wenn man alles “richtig macht” und auf dem Weg bleibt, dann hat man ein gutes Leben und wenn man vom Weg abweicht wird es erst schlecht. Man muss also sprichwörtlich “auf den richtigen Weg gebracht werden.” Ich glaube es gibt diesen “richtigen Weg” nicht.

Ich glaube ein Lebenslauf ist etwas individuelles, das nur ich für mich selbst beurteilen kann und sollte. Nur ich kann im Nachhinein darüber urteilen, ob eine Entscheidung die ich getroffen habe für mich sinnvoll war oder nicht. Am Ende bin ich der Herr über meinen Lebensweg und auch der einzige Richter. Das macht es einfacher auch mal Fehler zu machen, weil ich mir selbst eingestehen kann, dass ich hätte anders handeln müssen. Ich kann meine Entscheidungen reflektieren und daraus lernen. Nun habe ich also doch eine Möglichkeit gefunden meine Entscheidungen zu bewerten. Auch ganz ohne einen fürsorglichen Gott, ohne ein Schicksal oder einen vorbestimmten Weg kann ich mein Leben selbst bestimmen. Auch hier komme ich nicht ohne eine Parallele zur Philosophie des Liberalismus zu sehen.

Mir fehlt also weder ein Sinn, noch etwas, dass mich auf dem Weg durchs Leben begleitet, aber wie ist das mit der Frage: ”Wo kommen wir her?” oder auch “Wie hat alles angefangen?”.

Zugegeben, es ist eine Frage, die mich persönlich gar nicht so sehr beschäftigt. Ich vertraue dort auf die Erkenntnisse der Wissenschaft. Klar ist, dass wir zum aktuellen Zeitpunkt noch bei weitem nicht alles wissen. Wir wissen nicht, was vor dem Urknall war. Wir wissen nicht wie es dazu kam und wir wissen noch nichtmals ganz genau ob die ganze Urknall-Theorie überhaupt stimmt. Wäre das nicht Anlass genug daran zu glauben, dass es dort zumindest einen Funken, ein höheres Bewusstsein gegeben haben muss, dass alles in Gang gesetzt hat und sich seitdem raushält? Ich denke nicht. In der Vergangenheit gab es immer solche Gewissheitsgrenzen in der Wissenschaftlichen Erkenntnis. Lange wussten wir nicht, woher der Mensch kam. Wir glaubten Gott hätte ihn geschaffen. Jetzt können wir die Evolution der Arten beweisen. Gott hatte hier seine Finger also nicht im Spiel. Lange glaubten wir, dass Feuer etwas mystisches sei, dass von den Göttern vom Himmel geschickt wird. Mittlerweile können wir die physikalischen Vorgänge exakt beschreiben und Feuer kontrollieren. Immer wieder gab es in der Geschichte diese Grenzen, an denen wir uns nicht sicher waren. Ich glaube daran, dass es diese Grenzen immer geben wird, aber ich glaube auch daran, dass die Menschheit dazu in der Lage ist jede dieser Grenzen zu überwinden und somit den Raum für eine göttliche Intervention immer weiter zurück drängt. In der Mathematik würde man also sagen, dass Wissen der Menschheit geht gegen Unendlich und die unerklärten Mysterien, für die ein Gott verantwortlich sein könnte gehen gegen Null. Für mich reicht das als Erklärung mehr als aus.

Also, fehlt mir als Atheist etwas? Bin ich ärmer dadurch, dass ich an nichts Übernatürliches oder Göttliches glaube? Nein. Mein leben ist nicht schlechter als das eines Theisten. In diesem Sinne: Schönen Sonntag.

Über den Autor

*1985, Dr. rer. nat. Biochemie, PostDoc in der medizinischen Grundlagenforschung


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