Links, Rechts, Geradeaus – nach Moskau

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By Fraktion DIE LINKE. im Bundestag [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Dieser offene Brief ist eine Replik auf den Beitrag “Frieden gibt es nur mit Russland” von Oskar Lafontaine vom 25.08.2016. (http://www.theeuropean.de/oskar-lafontaine/11235-der-us-imperialismus-zuendelt-weiter–2)

 

Sehr geehrter Herr Lafontaine,

nein, so kann ich nicht anfangen. Das wäre gelogen. Verehrung habe ich für Sie noch nie empfunden. Und in letzter Zeit fällt es mir auch immer schwerer, Sie überhaupt zu respektieren.

Sie sprechen Deutschland in einem Interview mit Jung & Naiv ab, eine Demokratie zu sein. Sie sind schon immer bekannt, aus alter linker Tradition eine besondere Beziehung zur ehemaligen Sowjetunion zu haben. Doch mit dem von Ihnen verfassten Beitrag im Debatten-Magazin “The European” haben Sie selbst den letzten Funken meines Respekts verloren.

Sie unterstellen in diesem Beitrag, dass die europäischen Staaten, die Mitglieder der NATO sind, eine aggressive Politik gegenüber Russland verfolgen, gar einen Angriffskrieg gegen die russische Föderation zu planen. Sie scheinen dabei vergessen zu haben, dass die einzige militärische Angriffshandlung in Osteuropa von den von Ihnen so vehement verteidigten Russen selbst ausging. Die Annektion der Krim und der von russischen “Urlaubern” unterstützte Kampf der Separatisten in der Ostukraine stellten die einzigen kriegerischen Handlungen in Europa seit Ende des Jugoslawienkrieges dar.

Aber Sie gehen noch weiter. Sie begeben sich auf das Parkett der ultrarechten Reichbürger, wenn Sie unterstellen, die europäischen Regierungen, von Ihnen in Anführungsstrichen als “Staatslenker” bezeichnet, wären nicht eigenständig und würden aus den USA gesteuert. Sie sprechen den westlichen Demokratien damit kollektiv die Souveränität ab. Sie bewegen sich auf der Ebene von Verschwörungstheoretikern, deren großes Feindbild die USA sind.

Dabei sollte es für linke Politiker nichts Schlimmeres geben, als die aktuelle russische Regierung. Wladimir Putin hat das Land zu einer Oligarchie umgebaut, in der wenige Superreiche die Industrie und somit weite Teile des Vermögens kontrollieren. Russland verbietet de facto Homosexualität, rüstet massiv auf, die Politik der Regierungspartei ist dezidiert ausländerfeindlich und geht repressiv gegen die Opposition vor. Immer wieder sterben auf ungeklärte Art und Weise führende Oppositionelle. Einen korrupteren, kriegstreiberischeren, sozial ungerechteren Staat als die russische Föderation sucht man im Rest Europas vergeblich. Dies sollte linken Politikern eigentlich zutiefst zuwider sein.

Wieso äußern Sie sich also auf diese Art und Weise?

Ich habe eine Vermutung: Sie sehen ihre Felle davon schwimmen. Die AfD punktet bei Reichsbürgern und antiamerikanisch eingestellten Wählern in Deutschland, die sich als Verlierer der Globalisierung sehen. Mit die größte Wählerwanderung fand in den jüngsten Landtagswahlen von der Linken zur AfD statt.

Und genau das ist es, was Sie dazu treibt solchen Unsinn zu verbreiten. Denn auch die AfD-Anhänger sind große Fans vom Meister der reaktionären Politik im Kreml. Sie fühlen sich abgehängt in einer globalisierten Welt und geben dank jahrzehntelanger linker Propaganda dem bösen Uncle Sam die Schuld an ihrer misslichen Situation. Da ist es halt einfach, sich im jahrelangen Widersacher der USA eine Ikone im Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit zu suchen. Dass Russland offensichtlich nicht das gelobte Land ist, wird dabei geflissentlich unter den Tisch fallen gelassen.

Herr Lafontaine, ihre letzten Beiträge sind durchsetzt mit Lügen und Hetze. Das ist es, was mir jeglichen Respekt vor Ihrer Person nimmt. Sie verbreiten gewissenlos haltlose Unterstellungen, stellen die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik in Frage und sprechen allen europäischen Partnern ebenso die Souveränität ab. Sie befeuern Verschwörungstheorien und fördern die Spaltung der Gesellschaft. Das widert mich an.

Ich hoffe Sie lesen das. Ich würde mich sogar über eine Antwort freuen. Vielleicht kommen Sie ja zur Besinnung und stellen einiges endlich richtig. Die Hoffnung sollte man ja nie aufgeben.

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