POL1Z1STENS0HN oder CopKKKilla? – Es kommt drauf an wo du herkommst

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a chorweiler valentine - daniel zimmel - CC BY-SA 2.0

Seitdem Jan Böhmermann letzte Woche mit seinem Track „POL1Z1STENS0HN“ aufschlug, ist die Hip-Hop-Szene in heller Aufregung. War das jetzt eine arrogante Abrechnung eines „Käsebrotes“ mit seinen ehemaligen Mobbern aus Schulzeiten oder doch nur eine kreative Haftbefehl-Parodie mit einer feinsinnigen Kritik an überbordender Polizeigewalt? Am Ende kommt es wohl darauf an wo man herkommt.

Während ich diesen Artikel schreibe, fühle ich mich ziemlich unlustig. Unterhaltung sollte man einfach genießen oder, wenn einem etwas nicht gefällt, einfach nicht lachen. Da die Debatte über das Böhmermann-Lied mich aber irgendwie beschäftigt, muss ich es trotzdem tun.

Als ich das Lied zum ersten Mal hörte, empfand ich es eigentlich als recht amüsant. Wo sonst ist die Polizei in einem Rap-Song so gut weggekommen wie bei Böhmermann? Da ich auch kein Haftbefehl-Fan bin, weil ich seine Kunst aus tiefstem Herzen verachte, war es auch eine Genugtuung für mich, dass mal jemand mit großer Reichweite sagt, wie beschissen Haftbefehl ist.

Als ich dann wie so oft irgendwie sinnlos auf Twitter rumhing, entdeckte ich einige wenige Tweets unter dem Hashtag #ichhabkeinepolizei, die vor allem von Leuten mit Migrationshintergrund geschrieben worden waren, welche sich kritisch zu dem Song äußerten. Ein Beispiel: “Dass der weiße Mann Polizei hat, wundert mich jetzt nicht so #Böhmermann”

Ich selber komme auch nicht „100-prozentig von hier“. Obwohl ich eine deutsch-eritreische „Mischung“ bin, habe ich aufgrund meines sehr deutschen Namen, meinen merkwürdigerweise glatten Haaren, meinen europäischen Gesichtszügen und meinem nicht-Ghetto-Elternhaus einen relativ privilegierten Stand in Deutschland. Ab und zu wird man selbstverständlich auch mal von der Polizei grundlos nach dem Ausweis gefragt, vom Ladendetektiv fälschlicherweise zur Seite genommen und man meistert auch nicht jede Tür an einem Samstagabend, weil der Besitzer den Club lieber „deutsch“ halten will. Aber das ist eher selten bei mir.

Für mich war daher diese Brachialkritik an Böhmermann völlig grundlos und überzogen. Der Musikjournalist Staiger kommentierte wie folgt: „Das ist der Sarrazin-Effekt. Endlich traut sich mal einer, die Wahrheit zu sagen. Endlich stellt sich mal einer hin und führt vor, dass das, was diese Typen aus der Unterschicht da machen, sowieso keine Kunst ist. Deutscher Gangsta-Rap? – Ach Gott, wie lächerlich! Abfall!“ Man fragt sich sofort, ob es nicht auch eine Nummer kleiner geht.

Doch wenn man sich die Zeit nimmt, erscheint es eigentlich plausibel. Man stelle sich einfach mal vor wie es ist in einem deutschen Ghetto aufgewachsen zu sein mit kaum einer Perspektive auf einen anständigen Job und Rapper zu werden als einziger Weg einem halbwegs sauberen Business nachzugehen. Mit der Polizei hat man auch ständig Stress, obwohl man es anfangs gar nicht wollte und verstrickt sich dabei immer mehr im kriminellen Sumpf. Irgendwann, wenn du viel Glück hast, kommt ein großes Label und erklärt dich zu dem neuen heißen Shit und du hast es geschafft. Dann aber kommt plötzlich irgend so ein Polizistensohn um die Ecke und erklärt dir, dass trotz allem die Polizei die krasseste Gang im Land ist. Das kann man nur als Verhöhnung auf das Ganze verstehen und nicht nur einen Diss gegen einen bestimmten Künstler.

Auf der anderen Seite tauchte ein Video auf, dass eine Szene zeigt, in der POL1Z1STENS0HN im Vanity Club Cologne läuft. Ein Blick in die Fotogalerie zeigt, dass es sich eher um ein Etablissement handelt, welches von einer privilegierten Crowd angesteuert wird. Das macht den Eindruck des Frontalangriffes auf die migrantische Unterschicht komplett.

 

Man kann diesen Vorwurf meiner Meinung nach aber nicht dem Interpreten machen, sondern denjenigen, die Genugtuung dabei empfinden, dass einer mal endlich sagt, was Sache ist. Ich persönlich bezweifle jedoch, dass das so von Böhmermann beabsichtigt war und es sich dabei um eine Fehlinterpretation handelt auch wenn es Anzeichen für das Gegenteil gibt.

Haftbefehl hat mittlerweile auch mit CopKKKilla eine Antwort formuliert. Manch einer hält das für dumm, weil er damit angeblich in die Falle von Böhmermann läuft. Ich finde es hingegen gut, weil er sich damit vor eben jene Leute stellt, die sich von dem Song angegriffen gefühlt haben – auch wenn es nicht seine Fans sind, die sich getroffen fühlen. Denn meiner Wahrnehmung nach wird Haftbefehl eher ironisch gehört und zwar von eben jenen privilegierten Leuten aus den gutbürgerlichen Vorstädten.

Am Ende ist es also eine Frage wo man herkommt, wie man Polizistensohn auffasst. Es könnte auch eine geniale Inszenierung von Jan und Hafti sein wie einige vermuten und werden uns alle am Donnerstagabend in der neuen Ausgabe vom Neo Magazin Royale auseinandernehmen, wie damals beim Fake-Fake.

Vielleicht aber auch nicht. Nichts desto trotz sollte man Polizeiarbeit immer konstruktiv-kritisch hinterfragen. Unabhängig davon wie das persönliche Verhältnis zu unseren Ordnungshütern auch ist.

#MancheLeutehabenmanchmalleiderkeinePolizei

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