Warum Trump gut für Lateinamerika ist

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By Gage Skidmore from Peoria, AZ, United States of America (Donald Trump) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Als Europäer ist mir alles verhasst, was Donald Trump repräsentiert. Sein vulgärer Ton, seine Überheblichkeit, seine Ignoranz und seine Abschottungspolitik. Und als Europäer habe ich auch Angst vor den kommenden vier Jahren. Wie wird sich das transatlantische Verhältnis ändern? Machen Putin und Trump demnächst die Welt unter sich aus? Wer soll unsere Menschenrechte schützen, wenn Trump nicht einmal die seiner eigenen Bevölkerung achtet? Eine dunkle Zeit bricht an.

Charakterlich kann ich das gleiche auch als Lateinamerikaner sagen. Mit seinen widerwärtigen Aussagen gegen Mexikaner und lateinamerikanische Einwanderer hat er den Boden des normalen Wahlkampfes verlassen und sich auf das Niveau der Kriegsrhetorik und Xenophobie begeben. Aber, anders als die Europäer, kann man der Außenpolitik Trumps nun aus lateinamerikanischer Sicht etwas Gutes abgewinnen. Vielleicht sogar das Beste, was Lateinamerika passieren konnte. Aber lassen wir mal Trump das Problem der US-Amerikaner und deren Wirtschaft sein und begeben uns in die Historie der Beziehungen des panamerikanischen Kontinents.

Das Interesse der USA an den restlichen Ländern in Mittel- und Südamerika begann erst mit James Monroe, der geostrategisch beschloss, dass die USA alleinige Schutzmacht aller anderen Länder auf dem Kontinent sein sollte und Europa sich rauszuhalten habe. Ganz in der Tradition von Jefferson formulierte er in seiner Doktrin die Nichteinmischung des alten Kontinents in die freien amerikanischen Staaten und skizzierte das Zwei-Sphären-Prinzip. Demnach gab es zwei große Erdteile, diesen, den Europa beherrschte und denjenigen, den die USA beherrschen sollte. Einmischung in den jeweils anderen Teil wäre ein direkter Angriff auf die Souveränität der Schutzmacht. Tatsächlich zog sich dieses Verständnis mehr oder weniger konsequent durch bis zum ersten Weltkrieg, der das Eingreifen der USA forderte. Während der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg spielte Lateinamerika keine Rolle, im zweiten Weltkrieg selber kämpften die meisten Länder auf der Seite der Alliierten, bekannterweise nahmen aber einige Staaten Südamerikas, insbesondere Argentinien und Chile, flüchtende Nazis auf. Während die Prioritäten in den Kriegen für die USA und Europa auf anderen außenpolitischen Zielen lag, geriet Lateinamerika im kalten Krieg zum ersten Mal zum Spielball der internationalen Konflikte. Nach einer eher konservativen Phase der Regierungen Lateinamerikas gelang es 1959 den kubanischen Revolutionären Fidel und Raúl Castro, ein kommunistisches Regime zu errichten. Nun versuchten auch andere Gruppierungen auf dem lateinamerikanischen Kontinent, alte Regierungen zu stürzen oder durch politische Parteien einen Linkskurs einzuleiten. Aufgrund der Nähe zu Russland wäre somit ein Einfallstor Moskaus auf dem eigenen Kontinent entstanden, was die USA erfolgreich zu verhindern wusste. CIA und Militär putschten, mordeten und korrumpierten wackelige Staaten und setzten ihnen gesonnen Präsidenten oder gar Diktatoren ein. Prominentestes Beispiel ist hierzu Chile, wo der linksgerichtete Salvador Allende die Wahlen mit einer Koalition gewann, zu der auch Kommunisten und Marxisten gehörten. Vom ersten Tag an behinderte daher die USA unter Eisenhower und Außenminister Kissinger die Regierungsarbeit, bis es schlussendlich zu einem Militärputsch kam welcher die Diktatur Pinochets einleitete.

Nach Ende des kalten Krieges zog die USA ihren politischen Einfluss immer weiter zurück, auch wenn sich die USA unter George W. Bush nochmal direkt in die Präsidentschaftswahlen in Nicaragua einmischten. Barack Obama führte die Politik der Entspannung weiter, ging als erster Präsident wieder auf Kuba zu und versuchte mit den südamerikanischen Staaten zu kooperieren. Somit kann von keiner politischen Abhängigkeit der lateinamerikanischen Länder gesprochen werden, allerdings stieg auf der anderen Seite die wirtschaftliche und monetäre Abhängigkeit durch die USA. Die Wirtschaftskrise zeigte es – bricht die Kaufkraft in der USA ein, bricht die Wirtschaft in den Zuliefererländern drumherum zusammen. Ein Teufelskreis, unüberwindbar – bis, nun ja, der Teufel selbst ihn bricht. In einem kann man Donald Trump Recht geben: Er ist sicher kein politisches Establishment.

Er macht Außenpolitik mit Twitter, verärgert China mit einem einzigen Telefonanruf und schlägt sich auf die Seite Putins. Im Wahlkampf hat sich auch eins gezeigt: Er hat kein Interesse an Lateinamerika. Er würde am liebsten eine Mauer bauen, sodass er den Rest des Kontinents nicht mehr sieht, die produzierenden Unternehmen zurückholen, das Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko (NAFTA) kündigen und sich lieber nach Asien und Osteuropa ausrichten. Wirtschaftlicher Selbstmord, für alle Seiten, aber das scheint dem selbsternannten Jobmaker egal zu sein. Trotzdem könnte es eine Chance für Lateinamerika sein. Die Ignoranz der USA lässt sich nutzen, sich endlich selbst zu emanzipieren. Weg zu kommen von der Abhängigkeit eines Arbeiters, der Werkbank der Vereinigten Staaten, selber Technologien zu entwickeln, Großkonzerne und Gründer zu fördern und sich neue Partner zu suchen. Es ist wie eine Beziehung, in der der Mann die Frau täglich schlecht behandelt, aber sie nun ignoriert, weil er eine Jüngere gefunden hat.

Es wird Zeit, Selbstbewusstsein zu entwickeln, Europa, Asien und Afrika die Hand zu reichen und Wohlstand selbstbestimmt zu erwirtschaften. Ein Präsident Trump wird das nicht erkennen. Zu sehr lebt er in seiner eigenen Welt, in der Mexikaner alle Vergewaltiger und Drogendealer sind. Auch wenn es weh tut – so wie jede Trennung – es liegt auch immer eine Chance darin. Nach der langen und entbehrungsreichen Geschichte auf dem panamerikanischen Kontinent, muss Lateinamerika sie aber auch nutzen. Ob es ihm gelingt, wird sich in den nächsten vier Jahren zeigen.

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