Der Feind der Freiheit ist nicht der Nationalismus

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Egal ob man die Zeitung aufschlägt oder nur mal eben die News checkt, ein Thema ist dabei mit großer Sicherheit in den Überschriften zu finden: Der Nationalismus. “Arbeitgeber warnen vor „Untergang“ durch Nationalismus – und fordern offene Grenzen“, „Kardinal Woelki predigt vor Soldaten gegen Nationalismus“, „Hauptsorge Nationalismus“ sind nur wenige der vielen Artikel in deutschsprachigen Medien, die sich mit diesem in der ganzen Welt wieder aufkommenden Phänomen auseinandersetzen. Seit der Entscheidung der Briten die Europäische Union zu verlassen, seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten dominiert die Furcht vor dem Nationalismus die Presse und die gesellschaftlichen Debatten. Das ist zunächst einmal sehr gut. Nationalismus ist irrational und führte des Öfteren, auch wenn es entgegen der Meinung so mancher Linker nicht immer zwangsweise dazu kommen muss, zu Gewalt. Der Grund dafür, dass Nationalismus abzulehnen ist, ist aber im Kern ein anderer.

Was macht den Nationalismus laut dessen Kritikern so gefährlich? Im obig zitierten Artikel aus dem Focus wird Arbeitgeberverbandspräsident Ingo Kramer mit den Worten zitiert: „Beleidigende und geringschätzende Meinungen anderen Ländern gegenüber stehen den Erfolgsaussichten der deutschen Wirtschaft diametral gegenüber. Alles was fremd ist läuft ja Gefahr, verbal vernichtend angegriffen zu werden.“ Worauf Herr Kramer hier wohl hinaus will, ist die Tatsache, dass bestimmte Formen des Nationalismus, hier referiert er auf dessen exklusive Erscheinungsform, die eigene Nation überhöhen und im Umkehrschluss alle anderen Nationen abwertet. „Je mehr Nationalismus unsere politisch Verantwortlichen leitet, umso gefährdeter ist der Friede für alle.“ Dieses Zitat des Kölner Erzbischofs Rainer Woelki spielt darauf an, dass wie schon erwähnt in der Vergangenheit ausgeprägter Nationalismus zu verheerenden Gewaltspiralen führte. Will man es platter ausdrücken, kann man dies übrigens wie die Grünen machen, und pauschal behaupten, dass Nationalismus immer zu Krieg führe.

Es ist durchaus plausibel anzunehmen, dass die Überhöhung der eigenen Nation, implizit damit auch der eigenen Interessen, als Konsequenz diese Gewaltausbrüche hatte. Der schlimmste ging übrigens von deutschem Boden aus. Umstände wie der Versailler Friedensvertrag mögen diese Wirkung katalysiert haben, aber sind nicht das Grundproblem. Aber das Grundproblem ist auch nicht der Nationalismus. Das Grundproblem ist der Mechanismus der hinter dem Nationalismus steht und einem ganz anderen, grundlegenderen Denkkonzept entspringt.

Nüchtern betrachtet ist Nationalismus nichts weiter als ein Denkschema, das bestimmte Menschen aufgrund ihrer Abstammung, Kultur und Sprache inkludiert und andere, die diese Merkmale nicht aufweisen, exkludiert. Hier sind wir nun an dem Punkt angekommen, an dem einem selbst denkenden Menschen auffallen sollte, dass die Variablen „Abstammung, Kultur und Sprache“ durch jedes beliebige Merkmal ersetzt werden können. Es ist ein simples Gruppendenken. Schaut man in die Geschichtsbücher, lässt sich dieses Denkkonzept sehr häufig beobachten. Und ebenso häufig führte es ebenfalls zu unsäglicher Gewalt und millionenfachem Tod größtenteils unschuldiger Menschen. Ich will an dieser Stelle keine Geschichtslehrstunde abhalten, sondern klarmachen, dass nicht nur die Nation dazu taugt, andere Menschen auszuschließen. Ich kann das auch tun, weil mir die Farbe deiner Schuhe nicht passt. Oder weil dein Vorname nicht mit M anfängt. Ich hoffe die Banalität ist klar geworden. Das große Problem hinter dem Nationalismus ist der Kollektivismus. So mancher Kommilitone wird mich aufgrund der Quelle nun steinigen (natürlich nur imaginär), aber die folgende, auf Wikipedia zu findende Definition beschreibt das Wesen des Kollektivismus sehr gut:

Unter Kollektivismus wird ein System von Werten und Normen verstanden, in dem das Wohlergehen des Kollektivs die höchste Priorität einnimmt. Die Interessen des Individuums werden denen der Gruppe untergeordnet. Der Gegensatz dazu ist der Individualismus. Das Kollektiv kann eine Klasse, ein Volk, ein Betrieb oder jede andere Art von Gemeinschaft sein. Kollektivistische Normensysteme verlangen Solidarität, „Kameradschaft“, „Volksgemeinschaft“, Gemeinschaftsgefühl oder auch Liebe; letzteres insbesondere in religiösen und familiären Kollektiven.

In dieser Definition tauchen die uns schon bekannten Gruppenzugehörigkeiten auf. Was aber viel wichtiger ist: Den Kollektivismus macht etwas viel freiheitsverachtenderes aus. Es ist die Unterordnung des Individuums unter die Gruppe. Der viel gefeierte 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, John Fitzgerald Kennedy sagte in seiner Antrittsrede frei übersetzt: „Frage dich nicht,was dein Land für für dich tun kann, sondern frage dich, was du für dein Land tun kannst.“ Das ist der Ausdruck der absoluten Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft. Klingt an sich nobel und verantwortungsvoll. Aber überlegt man sich, wenn dieses Prinzip nicht millionenfach umgesetzt worden wäre, wieviele Tote wären der Welt erspart geblieben? Was, wenn genau diese Unterordnung unter die Gruppe nicht andauernd funktionieren würde? Würde dann jemand freiwillig in den Krieg ziehen? Vermutlich nicht. Wieso sollte man auch? Kein vernünftiger Mensch würde sich für eine Gemeinschaft, von der er mit Sicherheit 99% der anderen Mitglieder nicht einmal bekannt ist, töten lassen oder selbst andere Menschen töten. Und das passiert nicht nur zwischen Staaten. Der IS basiert auf dem gleichen Prinzip: Folgst du unserer Ideologie, wirst du reich belohnt werden. Tust du es nicht, bist du des Lebens nicht wert und musst sterben. Auch beim Fußball beobachten wir teilweise solche Gruppendynamiken in der Fanszene. Ultras verschiedenster Vereine gehen aufeinander los. Warum? Weil die anderen eben die Ultras anderer Vereine sind. Natürlich gibt es auch Fanfreundschaften. Aber das hier ist auch keine wissenschaftliche Abhandlung über die Dynamiken in der Ultraszene, sondern ein Kommentar, der die Augen öffnen soll, was das Grundproblem hinter dem Nationalismus, dem Klassendenken und anderer gruppenbezogener Ideologien ist.

Wieso schießt sich die öffentliche Debatte aber momentan nur auf eine kleine Teilmenge der mannigfaltigen kollektivistischen Bewegungen ein? Einerseits, weil nationalistische Bewegungen in der Tat die kollektivistischsten Ideologien sind, die momentan die größte Bedrohung darstellen. Andererseits aber auch, weil diejenigen die momentan am lautesten ihre Angst vor dem Nationalismus bekunden, selbst im Kern der kollektivistischen Idee nicht abgeneigt sind. In radikal linken Kreisen beispielsweise gilt es als Konsens, dass Menschen zum Wohle der Allgemeinheit sehr wohl mal ganz schnell und einfach enteignet werden können. Dass viele Menschen sehr viel Arbeit und Zeit in den Aufbau ihres Vermögens gesteckt haben, wird dabei unter den Tisch fallen gelassen. Ein anderes Beispiel ist die anlasslose Speicherung digitaler Verkehrsdaten durch Instrumente wie die Vorratsdatenspeicherung. Der einzelne wird unter einen Generalverdacht gestellt. Aber da dies zum Wohle des Kollektivs geschieht, ist das schon okay. An dieser Stelle möchte ich explizit darauf hinweisen, dass es klar ist, dass aufgrund der durchaus sinnvollen Sozialstaatlichkeit Deutschlands gewisse kollektivistische Maßnahmen ihre Rechtfertigung haben. Die Erhebung von Steuern zur Finanzierung öffentlicher Güter beispielsweise, oder die Sicherung des Existenzminimums. Diese Kompromisse zwischen Kollektivismus und Individualismus sollten meiner Ansicht nach in der Tat eingegangen werden. Und trotzdem sollten diese mit Vorsicht genossen werden. Denn eins darf nicht vergessen werden: Mit jedem kleinen Stück Kollektivismus stirbt gleichzeitig ein Stück Freiheit. Es ist nicht die jeweilige Ausprägung, die dazu führt. Es ist das Denkmuster an sich.

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