Die politische Bucket List der AfD NRW

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Empty Bucket at Punta Del Este - David - CC BY 2.0

Es gibt viele Arten von Listen: Einkaufslisten, Restaurantlisten, Listen über zu verhaftende Lehrer und Richter oder auch die sogenannte Bucket List. Berühmt geworden durch die Tragikomödie „Das Beste kommt zum Schluss“ mit Jack Nicholson und Morgan Freeman soll die Bucket List Dinge aufzählen, die man unbedingt noch einmal machen möchte, bevor man quasi „the bucket kicked“, also ins Gras beißt. Mitunter aufregende Lebenspläne verbergen sich hinter mancher Aufzählung, die offenherzig von Nutzern ins Internet gestellt werden, die natürlich im Gegensatz zu den Filmfiguren quickfidel sind und letztlich Beifall heischend ihre progressiven Lebensziele verkaufen. Neben Gleitschirmfliegen und „das Aussterben des paarungsfaulen Pandas Verhindern“, gibt es aber auch Überraschungen. Mal verbirgt sich Tragik hinter Freude oder dient als Tarnung für Spießigkeit: einmal ein Pony reiten steht dann äquivalent zu einmal LSD probieren. Die Bandbreite ist riesig. Selbstverständlich lässt sich so etwas auch auf eine politische Ebene transportieren – wie bei der Landesliste der AfD für die NRW-Landtagswahl 2017.

Durchblickt man die gewagte Kandidatenauswahl, wähnt man sich in Ausgrabungen mehrfach gescheiterter Politikexistenzen. Dies mag vielleicht auch einfach Masche sein, denn der Zuschauer und sicher auch die Wähler stehen auf tragische Figuren, doch der Hintergrundcheck der Kandidaten erinnert mehr an eine Tragödie als an eine herzerwärmende Tragikomödie.

Ganz oben auf der politischen Bucket List derer, die krampfhaft auf ihrer Liste „noch schnell irgendetwas werden wollen, bevor sie wieder in der Bedeutungslosigkeit einer Kleinstpartei verschwinden“, sitzt ein inzwischen bekanntes Gesicht: Marcus Pretzell. Er versteht sich als Koryphäe auf dem Gebiet des Köderstreuens für Journalisten, die noch schnell ein paar Zeilen füllen müssen. Der „Schusswaffengebrauch an der Grenze“ als Ultima Ratio oder die Arbeitspflicht für Flüchtlinge brachten ihm fast so viel Öffentlichkeit wie sein Privatleben um die neue große Liebe und unbezahlte Steuern. Längst hat er durchschaut, dass er die Aufschrei-Gesellschaft, die alles, was von der politisch-korrekten Norm abweicht, zu geißeln versucht, auch taktisch klug als Werbung benutzen kann. Provokation als politische Kommunikation in der Zeit der gefühlten bundespolitischen Konkordanz funktioniert – noch. Immerhin versteht er sich selbst als außerordentlich liberal. Folgerichtig spricht er sich gegen TTIP aus, hegt Sympathien für Nigel Farage und versucht, das angespannte Verhältnis zu Russland durch unerlaubte Besuche auf der Krim und die Ablehnung von jeglichen Sanktionen gegen die Supermacht im Osten zu lockern. Vielleicht sagt ihm auch die unangefochtene Führungskompetenz von Putin zu, immerhin steht er nach immer wieder angekündigten Iden des März noch immer aufrecht in der ersten Reihe. Aus tiefer liberaler und europäischer Überzeugung kündigte er auf dem AfD-Bundesparteitag seinen Beitritt zur Fraktion Europa der Nationen und der Freiheit (ENF) um die Abgeordneten des französischen Front National an. Wer könnte besser Spitzenkandidat einer NRW-Landespartei sein, die unmittelbar an verschiedenen europäischen Grenzregionen liegt?

Auf Platz 3 begegnet uns der Prototyp des „angry white man“, Frank Neppe: der miesgelaunte Walt Kowalski aus Clint Eastwoods Meisterwerk Gran Torino, nur ohne Charakterentwicklung und ohne einen glänzen Ford Torino. Als Landesschatzmeister der AfD-NRW ohne parteiinterne Querelen medial wenig präsent, hat er mit Facebook einen recht exzessiven Zeitvertreib gefunden. Einer von denen, der vorwiegend Überschriften liest und die Lügenpresse riecht, bevor er Artikel überhaupt geöffnet hat. Wüsste man es nicht besser könnte man den „Kampfschlesier“ (der zugehörige Artikel in der WELT ist Pflicht) für seinen Bruder halten. Die gewählten Worte der Provokation um drohende Migrantenkriege, die Umdeutung des des Amoklaufs von München, seine kritische Auseinandersetzung mit den USA („Die USA unterstützen Kindermörder in Syrien!!!“) und sein Faible für Udo Ulfkotte und Jürgen Elsaesser machen ihn derart zu einem Cliché, man könnte ihn gar zum Ur-AfDler, zum Adam der AfD erheben. Fast biblisch entstünde auch aus seiner Rippe eine Eva, wenn auch nur Eva Herrmann.

Ein besonderes Highlight auf der Brücke, an Platz 4, neben Kapitän Pretzell ist der ehemalige Bundesvorsitzende der Schill-Partei, Markus Wagner. Während die Schill-Partei inzwischen nur noch in politischen Lehrwerken für Erstsemester der Politikwissenschaft zu finden ist, hat es der einstige Gründer weit gebracht. Nach seinem bekanntgewordenen Erpressungsversuch gegen Ole von Beust setzte sich Ronald Schill in die Favelas Brasiliens ab und turnt heute durch das Deutsche Reality-TV – aktuell sucht er bei RTL nackt nach einer Seelenverwandten in der Südsee bei der Dating-Show „Adam sucht Eva“. Und ja, ich glaube Ronald Schill ist heute glücklich und mit der Welt im Reinen, im Gegensatz zu seinem ehemaligen Parteifreund Wagner, der die Partei in den rechten Sumpf führte und für den letzten Bürgerlichen unwählbar machte. Im Januar 2009 horchte der Verein, VfL Frotheim 1925 e.V., bei seinem ehemaligen Trainer nach den neuen politischen Ambitionen. Antwort: „Liegt mangels für mich annehmbarer politischer Alternativen auf Eis“. Im Jahr 2014 konnte er in der AfD aber endlich wieder als Kreisvorsitzender Fuß fassen und gehört dem Kreistag von Minden-Lübbecke an. Allerdings hat sich nach aktuellen Medienberichten auch diese politische Konstellation schon wieder erledigt. Mit seiner großen Leidenschaft der Mitgliedschaft, dem Austritt und Eintritt und der An- und Einbindung rechter Kleinstparteien hat er nicht sonderlich Glück. Dennoch soll er die Aufnahme neuer Mitglieder in der AfD vorbereiten und wird schon bald sein neues Büro im NRW-Landtag beziehen können.

Als großer Vordenker geht Nic Vogel aus dem NRW-Landesvorstand auf Platz 9 ins Rennen. Der Comicbuch-Händler aus Düsseldorf war einer der Gastgeber des 1. Alternativen Wissenskongresses NRW in Witten. Die geladenen Experten, darunter Jürgen Elsässer, Eberhard Hamer und Andreas Popp, erklärten den 800 Gästen, wer Deutschland wirklich regiert. Ja, der Elsässer, der mal sehr rechts, mal sehr links seine Literatur unter das Volk bringt und als Antikapitalist mit der Querfront-Strategie gutes Geld verdient. Was man bei Senioren Kaffeefahrt nennt, heißt bei der AfD Wissenskongress. Mit dabei Eberhard Hamer, der regelmäßig vor einer fremden Besatzungsmacht in Deutschland warnt und selbstverständlich aus erster Hand weiß, dass alle Politiker Marionetten der kapitalistischen Großkonzerne sind. Das reißt nun wirklich keinen mehr vom Hocker. Immerhin wissen wir Dank Andreas Popp heute, dass nicht etwa harmlose Kondensstreifen aus Wasserdampf und Abgasen am Himmel zu sehen sind, sondern Chemtrails, also von Flugzeugen auf die Erde geworfene Chemikalien. Was diese Chemikalien anrichten, immerhin da sind sich die Verschwörungstheoretiker nicht ganz einig: so geht die Spekulation von Vergiftung der Menschen über Klimaregulierung bis zu hin zu Testläufen moderner Kriegsführung. Inwieweit sich Nic Vogel hier wissenschaftliche Ratschläge für seine Abgeordnetentätigkeit holen wird, bleibt ihm überlassen. Man darf auf eine alternativwissenschaftliche Kleine Anfrage gespannt sein.

Auf Platz 10 erklingt die erste Frauenstimme. Die couragierte selbstbezeichnete Familienpolitikerin und überzeugte Mutter, Iris Dworeck-Danielowski, sehnt sich nach Frauen, die das Mutterbild mit Hingabe repräsentieren. Die Zuschreibung, mit Charme und Intellekt Menschen für ihre Interessen bzw. die Interessen ihres Arbeitgebers oder die Interessen ihrer Partei zu gewinnen, konnte Sie auf Anfrage von correctiv bislang nicht unter Beweis stellen, aber das wird sich mit der kommenden Landtagswahl ändern. Glücklicherweise ist Dworeck-Danielowski nicht nur Mutter und ehemaliges PDS-Mitglied, sondern auch Heilpraktikerin in einem, also eine bessere Ärztin. Man muss wissen, das Heilpraktikergesetz von 1939 ermöglicht es quasi jedem, der auf einem Schaubild Hand und Fuß unterscheiden kann, nachfolgend eine Praxis zu eröffnen und ein breites Spektrum an (para-)medizinischen „Tätigkeiten“ durchzuführen. Leider bleiben die zumeist Verächter der Schulmedizin nicht bei harmlosen, da wirkungslosen, Techniken wie Pyramiden-Energiebestrahlung oder Magnetfeld-Therapie, sondern bedienen sich gelegentlich auch der Verabreichung von Gasen, dürfen Spritzen setzen oder offene Wunden behandeln. Sogar Krebsbehandlungen mit Weißbrot sind dokumentiert. Eine Überprüfung der Fähigkeiten findet bisweilen nicht statt, da es bis heute keine staatlich überwachte Ausbildung gibt. Parawissenschaften treffen auf ein Mutterbild aus dem gleichen Jahrzehnt des Heilpraktikergesetzes. Ich sage: endlich eine Landesmutter von vollumfänglicher Kompetenz und mit einem soften PDS-Gefühl für das Soziale in NRW.

Man könnte über die weiteren Kandidaten viel schreiben. Manch einer hat seine Vergangenheit auch gekonnt verbuddelt, wieso auch nicht? Sollte die AfD in den NRW-Landtag einziehen, wird man mit Sicherheit die eine oder andere Entdeckung machen, spätestens dann, wenn die Abgeordneten ihre persönliche Bucket List durchgehen: einmal eine Anfrage zu Chemtrails stellen, einmal für den Austritt NRWs aus dem Euro stimmen … Bei diesem politischen Potpourri ist für Jung und Alt – aber vor allem für Vorgestern etwas dabei. Doch eins wird den Herren und den vereinzelten Damen nicht gelingen: eine Fraktion über eine Legislaturperiode zu halten. Denn wer auf dieser Liste kandidiert, kandidiert nicht für NRW, nicht für Deutschland oder für eine politische Überzeugung, sondern nur für sich selbst und nur, um sich selbst zu beweisen, dass man mit denselben Sprüchen, die kurzzeitig vorgestern einmal gezogen haben, auch heute noch provozieren kann.

 

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Schreibt seine Kolumne "Moralokratie"


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