Tatort? Who cares?

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Nichts erregt die deutschen Gemüter und die Presselandschaft so sehr wie ein neuer Tatort. Er wird von „Kennern“ in seine Einzelteile zerlegt und auf seinen künstlerischen, moralischen und gesellschaftlichen Wert geprüft. Endlose Ergüsse in den Online-Magazinen und Tageszeitungen dieser Welt muss man über die schauspielerische Leistung von wem-auch-immer und die gesellschaftliche Brisanz von was-auch-immer lesen und am Ende gibt es immer irgendwas zu meckern.

Die Absurdität dieses Rituals ist dabei nur den wenigsten klar. Der Tatort ist ein Unterhaltungsformat, eine in Deutschland, mit deutschen Schauspielern produzierte Krimi-/Action-Serie mit Schauplätzen die jeder kennt. Qausi eine deutsche Version von CSI, Bones, Monk und Co. Es würde uns gar absurd vorkommen, würden wir über die gesellschaftliche Relevanz der neuen CSI-Folge debattieren, oder die schauspielerische Leistung von Darstellern aus der Serie Monk ins kleinste Detail analysieren, aber warum tun wir es dann für den Tatort?

Meine These: Dieser Reflex spiegelt ein viel tieferliegendes gesellschaftliches Problem in Deutschland wieder. Amerikanische Serien kann man einfach konsumieren, man kann sich daran erfreuen und über gesellschaftliche Relevanz oder die Leistung der Schauspieler auch einfach mal hinwegsehen, Hauptsache man wird halbwegs gut unterhalten. Sobald die Serie aber Ihren Ursprung in Deutschland hat, greift die moralische Verantwortung eines jeden deutschen Bürgers für die ganze Menschheit. Und wenn schon der Tatort nicht gut ist, wie können wir da die Welt retten? Wenn Til Schweiger und Helene Fischer, eine erwartungsgemäß Popcorn-Kino, fast schon amerikanisch anmutende Variante des Tatorts schauspielern, dann fühlt „der Deutsche“ sich in seinem Wahn nach moralischer Perfektion gestört. Hieße der Tatort „Crime Scene“ und wäre ein amerikanisches Format, dann würden wir uns immer wieder aufs Neue hunderte Seiten von akribischer Berichterstattung im Feuilleton ersparen, denn dann wäre eine mittelmäßige oder schlechte Folge keine mit dem Landesverrat gleichkommende Schandtat, sondern lediglich eine von vielen Folgen, die wir im Unterhaltungsprogramm konsumieren würden. So aber müssen wir uns empören, abarbeiten und den Niedergang des Landes der „Dichter und Denker“ verkünden, wenn, wie zu erwarten war, Til Schweiger wieder nur einen Gesichtsausdruck beherrscht.

Was wir dabei völlig vergessen? Die Dichter und Denker der alten Tage und auch die wirklichen Künstler und Intellektuellen der Gegenwart interessieren sich nicht für den Tatort. Sie erkennen ihn an als das was er ist: Unterhaltung. Der einzige Grund, aus dem man glauben könnte, dass es sich hierbei um etwas gesellschaftlich relevantes handeln könnte, ist die Tatsache, dass der Tatort vom öffentlich rechtlichem Rundfunk produziert und ausgestrahlt wird. Dieser staatliche Anstrich suggeriert eine größere Bedeutung, die bei näherer Betrachtung nicht existiert und auch nicht existieren kann oder soll.

Wer tiefgreifende Kunst und intellektuelle Herausforderungen sucht, sollte vielleicht feststellen, dass er dies nicht im Abendprogramm findet und auch im Lichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Krimi nur ein Krimi ist.

Über den Autor

*1985, Dr. rer. nat. Biochemie, PostDoc in der medizinischen Grundlagenforschung


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