Streisand-Effekt auf kölsch – der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist angeschlagen

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Köln
Scissor / Schere - Christian Schnettelker- CC BY 2.0

Eines ist sicher: Köln stellt eine Zäsur dar. Nicht weil Köln der einzige Ort war, an dem massive Übergriffe stattgefunden haben, sondern weil Köln zu einem Symbol des offen ausgetragenen Staats- und öffentlich-rechtlichen Medienversagens geworden ist. Inzwischen berichten immer mehr überregionale Zeitungen einstimmig über den Versuch des gebührenfinanzierten und unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der Politik, Details über die Vorfälle in Köln weichzuzeichnen oder schlichtweg auszublenden. Ohne den persönlich mit hohen beruflichen Risiken verbundenen Einsatz von Polizisten, die Pressevertretern Hinweise gaben und mutigen Journalisten, denen Wahrheit wichtiger war als Ideologie, wäre der Versuch möglicherweise (erneut?) geglückt. Der in der Bevölkerung umgehende Verdacht (u.A. durch infratest dimap erhoben), dass ZDF und Co. nur die halbe Wahrheit berichten, hat sich damit schmerzlich bestätigt. Bereits im Oktober 2015 glaubte fast jeder zweite Befragte, dass es staatliche Vorgaben für die Medienberichterstattung gäbe. Als Folge des sich nun aufdeckenden sogenannten „Schweige-Kartells“ tritt aktuell genau der Effekt ein, der zu erwarten war: der Streisand-Effekt. Dieser besagt, dass der Versuch eine Information zu unterdrücken das exakte Gegenteil erreichen wird, nämlich eine explosionsartige und unkontrollierte Verbreitung dieser.

Das inhaltlich diffuse Bündnis von unzufriedenen Konservativen und Rechten in Dresden, PEGIDA, feiert Dank der Verbreitung dieser Feststellungen wohl einen inneren Reichsparteitag. Sie dürfen sich nun als avantgarde fühlen, als diejenigen, die es immer schon gesagt haben, denen man nicht zuhören wollten, die, die man verlacht hat. Lügenpresse? Lückenpresse? Aussprüche dieser Art waren bis vor kurzem als billiger und unhaltbarer Populismus verschrien – die Bausteine der geistigen Brandstifter, der Hetzer, die unser aller Zusammenleben gefährden. So erklärte noch Claus Kleber am 15.12.2015 betroffen im heute journal:

„Es ist schon erschreckend wie viele vernünftige Menschen glauben, dass wir hier regelmäßig Grundlinien unserer Berichterstattung mit den Mächtigen in Berlin absprechen. Wir haben keine Ahnung, woher so was kommt (…).”

Nun wagen sich große Zeitungen wie die FAZ, WELT, FOCUS und BILD an eine Aufarbeitung des öffentlich-rechtlichen Versagens. Michael Hanfeld bringt es auf FAZ.net am 09.01.2016 als einer von derzeit vielen auf den Punkt:

„Experten dürfen im Interview nicht von Flüchtlingen sprechen, Moderatoren tun Polizeiaussagen als „wahrscheinlich letztlich Klischees“ ab: Wie der Rundfunk mit der Silvesternacht von Köln umgeht, ist das Gegenteil von Journalismus.“

Auch zahlreiche Polizisten wenden sich nun an die Öffentlichkeit. FOCUS.online berichtet am 09.01.2016:

„Der Kölner Polizei wird vorgeworfen, die Herkunft von mutmaßlichen Tatbeteiligten (…) verschwiegen zu haben – aus vermeintlich politischer Korrektheit. Wohl kein Einzelfall, wie die Aussagen von Beamten nun zeigen. Demnach soll es in manchen Bundesländern strikte Anweisungen geben, über Vergehen von Flüchtlingen zu schweigen.“

Klebers berühmter Kommentar zu den Vorwürfen gegen das ZDF erinnert heute an eine der markantesten Aussagen von Roger Dascombe dem fiktionalen staatlichen Medien-Intendanten aus der Verfilmung des diatopischen Comics „V wie Vendetta“ von Alan Moore und David Lloyd. Nach einem Sprengstoffanschlag durch Hauptcharakter V schlägt Dascombe vor, den Anschlag zu vertuschen und kommt mit dem vollkommen abstrusen Vorschlag stattdessen von einer geplanten nächtlichen Sprengung zu sprechen. Seine Mitarbeiterin fragt daraufhin ungläubig:

Patricia: You think people will buy this?
Dascombe: Well, why not? (…). Our job is to report the news, not fabricate it. That’s the government’s job.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht nunmehr zu Recht als gebührenfinanziertes Erziehungsfernsehen, als moralisches Über-Ich des potentiell gefährlichen Bürgers in der Kritik. Nein, das ist kein Journalismus, das ist eine düstere Facette eines einseitigen meinungsergreifenden Staatsfernsehens, vor dem heute noch die gleichen betroffenen Moderatoren in Polen gewarnt haben. Wenn nicht bald Konsequenzen folgen, könnte die klaffende Lücke zwischen Medien und Bevölkerung noch weiter auseinandergehen.

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Schreibt seine Kolumne "Moralokratie"


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