Alternativmedizin – Der sanfte Betrug

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By FDA graphic by Michael J. Ermarth ("Miracle Cure!" Health Fraud Scams) [Public domain], via Wikimedia Commons

Besonders sanft, besonders schonend, besonders natürlich und nicht von der ach so bösen Pharmaindustrie hergestellt, sind nur einige der Versprechen die Alternativmedizinische Praktiken und Präparate geben. Doch können Globuli, Klangmassagen und heilsames Berühren wirklich halten, was sie versprechen? Gilt das alte Sprichwort „Wer heilt hat recht.“? Nein! Alternativmedizinische Praktiken und Präparate sind die Wiedergeburt der Quacksalber, Wunderheiler und Scharlatane, die im vor einigen Jahrhunderten noch nicht allzu selten mit Fackeln und Mistgabeln vom Marktplatz gejagt wurden.

Die Geschichte der Schulmedizin und Pharmakologie ist schon immer von einem Kampf gegen die Esoterik geprägt gewesen. War es zu früheren Zeiten noch das Monopol der Kirche über die Meinungshoheit, so konnte sich die Schulmedizin vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts über alle Zweifel hinweg durchsetzen. Die Entdeckung von Mikroorganismen, Antibiotika und Impfungen führte zu fast undenkbaren Fortschritten in der Behandlung und Bekämpfung von Krankheiten. Die Möglichkeiten der Schulmedizin wirkten fast Grenzenlos und so erklärt sich auch die Stilisierung von Ärzten zu „Göttern in Weiß“. Doch nach dem Boom folgte die Depression. Die alltäglichen Wehwehchen, wie grippale Infekte, Kopf- und Rückenschmerzen und den allgemeinen Verschleiß im Alter vermag die Schulmedizin bis heute nicht zu heilen. Auch tauchten vermehrt Krebserkrankungen, vor allem aufgrund der deutlich verlängerten Lebensdauer und Herz- und Kreislauferkrankungen aufgrund des deutlichen Überangebots an Nahrung und der steigenden Bewegungsarmut auf. Selbst neue, unheilbare Infektionskrankheiten wie Hepatitis und HIV bahnten sich ihren Weg. Die Schulmedizin wirkte macht- und ratlos.

In dieser Stunde der Schwäche witterten die Alternativmediziner ihre Chance für eine Rückkehr auf die Bühne des Geschehens. Sie nutzten die Angst und Unsicherheit der Patienten schamlos aus und starteten eine Schmutzkampagne gegen die Schulmedizin nach der anderen. Impfungen würden Autismus verursachen, die Nebenwirkungen von synthetisch hergestellten Medikamenten wären zu groß, die Schulmedizin wäre kein ganzheitlicher Ansatz, sondern würde nur Symptome behandeln, waren nur einige der Argumente die, wie ein alter Volksglaube, gestreut wurden. Zudem kamen Fehler und Skandale der Schulmedizin, wie Contergan und spektakulär fehlgeschlagene Medikamentenstudien hinzu, welche die weiße Weste der Schulmedizin weiter beschmutzten. Ein weiterer herber Schlag für die Schulmedizin war der Siegeszug des Internets und von Google. Seitdem jegliche Information für jeden frei zugänglich ist, werden Laien mit eine Fülle von Informationen geflutet und die Möglichkeit zur Bewertung und Differenzierung fehlt quasi vollständig. Sucht man im Internet nach einer X-beliebigen Krankheit findet man direkt unter den ersten Suchergebnissen Naturheilkundliche, alternativmedizinische und esoterische Behandlungsmöglichkeiten die mit pseudowissenschaftlichen Heilsversprechen werben und zudem noch ganz auf dem Trend der Bio- und Ökowelle surfen.

Dabei gibt es eine Vielzahl von Behandlungsmethoden und Arten der Quacksalberei. Angefangen bei der Naturheilkunde, die auf den ersten Blick noch harmlos wird, auf den zweiten Blick aber viele Probleme mit sich bringt, die in der Schulmedizin nicht auftauchen. Als Naturheilkundlich werden vor allem Präparate aus Pflanzenextrakten beschrieben. Geworben wird dabei vor allem mit der Natürlichkeit und der sanften Wirkungsweise des Präparats, nicht selten wird auch eine Jahrhunderte andauernde traditionelle Verwendung dieser Pflanze angepriesen. Verschwiegen wird dabei, dass pflanzliche Extrakte qualitativen Schwankungen unterliegen und neben dem gewünschten Wirkstoff auch weitere Inhaltsstoffe, teilweise in großen Mengen, enthalten, die Nebenwirkungen auslösen oder den Wirkstoff hemmen können. Auch ist der Wirkstoff häufig in deutlich zu geringen Dosen enthalten, als das er seine Wirkung vollständig entfalten könnte. Werden pflanzliche Präparate bei Alltags Wehwehchen verwendet, richten sie keinen großen Schaden an, helfen können sie aber fast nie. Ein pharmazeutisch hergestelltes Präparat, welches den gleichen Wirkstoff, aber in größeren Mengen und in höherer Reinheit enthält, kann hingegen deutlich wirksamer und schonender sein, als jeder Pflanzenextrakt, da hier genau definierte Mengen und Inhaltsstoffe vorhanden sind.

Eine ebenfalls sehr häufige Behandlungsmethode ist die Homöopathie. Hierbei wird der Wirkstoff so lange verdünnt, bis er nicht mehr nachweisbar vorhanden ist. Die Homöopathie geht davon aus, dass je höher die „Potenz“ (Verdünnung) eines Medikaments ist, desto höher ist seine Wirksamkeit. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien kann mittlerweile belegen, dass homöopathische Präparate keinerlei Wirkung entfalten. Selbst der häufig angepriesene Placebo Effekt wird teilweise sogar unterschritten. Im Alltag kommt trotzdem häufig das Argument „Wenn es doch hilft?“ oder „Meiner Mutter war bei 10 unterschiedlichen Ärzten und erst die Homöopathie hat geholfen.“ Dem kann man gelassen und sicher entgegnen, dass Homöopathische Präparate niemals helfen können, das Problem der Mutter sich aber vielleicht auch nach 10 Arztbesuchen von selbst erledigt hat. Ein größeres Problem stellt Homöopathie dar, wenn sie Anstelle von Therapien, bei schweren Erkrankungen, wie Krebs, verwendet wird. Hier verlassen sich Patienten auf das Wirkungsversprechen des Herstellers, welches er aber niemals einhalten kann. Krebs lässt sich  nicht durch Zuckerkügelchen heilen. Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall in dem die Verwendung von Homöopathischen Präparaten eine Wirkung auf Tumorgewebe hatte. Was ja auch Sinn ergibt, denn außer Zucker ist in einem Globuli quasi nichts enthalten. „Ärzte“ die schwere Erkrankungen mit Homöopathischen Mitteln behandeln, begehen Körperverletzung und im schlimmsten Fall sogar Totschlag.

Auch die aus der traditionellen chinesischen Medizin stammende und sogar unter einigen Schulmedizinern anerkannte Akkupunktur muss kritisch gesehen werden. Unter dem Deckmantel der fernöstlichen Medizin und Esoterik wird hier behauptet, dass Nadeln an bestimmten Körperstellen, die aus einer religiösen Weltsicht abgeleitet sind, würden bei Schmerzen und Krankheiten Linderung verschaffen. Studien die nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt werden konnten, dies aber ebenfalls nicht belegen. Akkupunktur hat keinen, über ein Placebo hinausreichenden Effekt. Doch geistern auch Studien durch die Welt, die sogar dazu geführt haben, dass Akkupunktur bei bestimmten Erkrankungen von den Krankenkassen übernommen werden kann. Dieser Trend allerdings ist fatal, denn die in diesem Kontext vor allem zitierte GERAC Studie enthält diverse wissenschaftliche Fehler und ist nicht nach modernen Studienstandards durchgeführt worden.

Über pflanzliche Medizin, Homöopathie und Akkupunktur hinaus gibt es eine Vielzahl von noch esoterischeren Behandlungsmethoden, die häufig mit Begriffen aus der Wissenschaft und Medizin und pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Theorien aufwarten, um ihre Patienten zu überzeugen. Alle diese Behandlungen haben gemein, dass sie ihre Wirksamkeit, anders als schulmedizinische Präparate nicht in ausgiebigen klinischen und prä-klinischen Studie belegen müssen. Alternativmedizinische Präparate können, sobald sie als dieses gekennzeichnet sind ohne jemals auf ihre Wirksamkeit geprüft worden zu sein, verkauft werden und dürfen mit den vollmundigsten Versprechen beworben werden. Das erinnert an den Quacksalber, der auf dem Markt Pferdepisse als Haarwuchsmittel verkauft. Nur wird die Pferdepisse heute sogar von der Krankenkasse teilweise übernommen und in Apotheken verkauft. All das weckt den Anschein, als wären Alternativmedizin und Schulmedizin gleichwertig, doch spielen beide nach anderen Regeln. Müssten alternativmedizinische Präparate zunächst auf ihre Wirksamkeit geprüft werden und dürften sie nur das Versprechen, was sie auch halten, gäbe es heute kein einziges Präparat mehr auf dem Markt.

Diese Wettbewerbs- und Informationsverzerrung gilt es schnellstmöglich zu beenden. Hier ist die Politik gefragt sich gegen Esoterik und Scharlatanerie durchzusetzen und die gleichen Regeln für Alternativmedizin wie für Schulmedizin einzuführen, um den Verbraucher vor den verlockenden Lügen der Alternativmedizin zu schützen!

Über den Autor

*1985, Dr. rer. nat. Biochemie, PostDoc in der medizinischen Grundlagenforschung


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