R.I.P. Deutsche Sprache – wir hatten eine schöne Zeit

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Schule
Mein Leben - Incase - CC BY 2.0

Dank Mario Barth kennt den Spruch nahezu jeder: „Ihr seid so tight, wenn ich mit euch fertig bin, dann burnts!“. Doch auch andere Ausdrücke verdeutlichen das große Problem der deutschen Sprache, bei der viele ihren Teil dazu beitragen und den wichtigsten Teil der deutschen Kultur zu Grabe tragen.

Dieses für das breite Bildungsbürgertum zugegeben nicht ganz so repräsentative Beispiel deuten schon ziemlich extrem jene Krise an, die eines der schönsten Vermächtnisse der letzten Jahrhunderte derzeit zu bewältigen hat. Trotzdem steckt mehr Wahrheit hinter Barths Ulk, als man anfänglich vermuten darf. Zudem gebe ich gut und gerne zu, dass Anglizismen sich seit einigen Jahren fest in den deutschen Sprachschatz integriert haben, nicht mehr hinweg zu denken sind und sich in unserem tagtäglichen Satzbau anscheinend pudelwohl fühlen. Inzwischen vollkommen gängige Aussagen wie „Der Coach meinte aber, dass…“, „In diesen Tagen erscheint das Re-Release von Band XY“, „Ich bin von den letzten Tagen total ausgepowert“ und „Das sind nur Peanuts im Gegensatz zu…“ oder selbst vor einigen Jahren noch auf taube Ohren gestoßene Ausdrücke wie ‚Speed-Dating‘, ‚Walken‘ (damit meine ich nicht den Schauspieler, sondern die Tätigkeit), ‚Nerd‘ und ‚Underdog‘ haben anno 2015 ihre volle Daseinsberechtigung und fungieren als Ausdruck der seit Jahren kontinuierlich steigenden Internationalisierung. So weit, so gut.

Doch speziell die Jugend sorgt dafür, dass sich bereits verstorbene Dichter und Denker wie Goethe, Schiller und Fontane im Grab umdrehen, dass ausgebildete oder derzeit noch auszubildende Germanisten und Sprachliebhaber am liebsten das Messer zücken würden, dass die Kommunikation zwischen Jung und Alt meist schon an der diffusen Gesprächseinleitung scheitert und dass ich mir die folgenden Zeilen endlich mal von der Seele schreiben kann. Leute, es reicht! Es reicht endgültig! „Wir hatten am Weekend Beef, seitdem hatet mich mein Ex-Lover so much“, „Crazy Party gestern Abend, ich hab den größten Hangover of my Life“, „Ja, wir sind divorced, die…“ – entschuldigt bitte diesen Ausdruck, aber dieser ist, wie jeder andere auch, genauso fest verankert – „…Bitch hat sich in meinen Best-Buddy verknallt“ sind keine Internationalisierungsbeispiele mehr, sondern schlichtweg peinlich. Seit wann schafft es die deutsche Bevölkerung nicht mehr, einen adäquat und grammatikalisch korrekten, deutschen Satz – ihr wisst schon, Kinder, Nomen werden blau unterstrichen, Tu-Wörter gelb… – auf die Beine zu stellen? Seit wann sind die guten, alten Redewendungen so meilenweit tief unter der Erde vergraben, dass sie kaum wieder aufzufinden sind? Seit wann drückt ein Anglizismus-Overkill eine Aussage heftiger aus als das entsprechend deutsche Pendant? Seit wann haben Medien und ihre Werbung, die an Slogans wie „Come In And Find Out“, „Have A Break, Have A Kitkat“ oder „Powered By Emotion“ und genauso fest in der Mangel absolut dämliche Beispiele wie ‚Facility-Manager‘, ‚Disrespect‘ oder ‚Benchmarking‘, bei denen im schlimmsten Falle nur bunte, nichtssagende Fragezeichen aufleichten.

Und, das wird von vielen ignoriert, gibt es immer noch einen Teil der deutschen Bevölkerung, der der englischen Sprache nicht mächtig ist und somit im eigenen Land, im Land der einstigen Dichter und Denker, konsequent ausgegrenzt werden. Was wird für diese Schicht gemacht? Womit kann man ihr helfen? Wundert ihr euch ernsthaft, dass sich diese im eigenen Land wie ein Ausländer vorkommt, wenn eine Sprache gesprochen wird, die der deutschen nur irgendwie ähnlich ist?

Egal, ob wir die Ausdrücke nun an einer Flipchart auflisten, ob wir uns beim Free-Climbing, Bungee-Jumping, Candlelight-Dinner oder beim Late-Night-Shopping Gedanken über deren Existenz machen, sie bei einem Sandwich und Milchshake mit dem BFF Revue passieren lassen oder oder oder. Anglizismen sind – wohlmöglich vollkommen zurecht – heutzutage nicht mehr hinwegzudenken. Doch bevor jeder Zweite so redet, als hätte er gerade ein Austauschjahr in den Staaten gehabt und sein Hirn zu Hause gelassen, sollte die Reißleine gezogen werden. Kein Wunder also, dass Referenzwerke wie „Faust“ oder „Die Räuber“ heutzutage kaum mehr Beachtung finden, wenn man diese anscheinend mythologischen Hieroglyphen, mit denen man vor 300 Jahren noch kommunizierte, nicht mehr entschlüsseln kann. Es kann ja nicht mehr alles so übelst mein Brain wegcatchen wie die altehrwürdige, deutsche Sprache, die – zumindest scheint es so – kein bestimmtes Ablaufdatum hat, aber bereits jetzt schon zum Tode verurteilt ist. Ein Tod, der enorme Konsequenzen mit sich ziehen wird. Ich möchte keine Verschwörungstheorie aufstellen, doch sollte sich Jeder einmal Gedanken darüber machen, ob deutschsprachige Ausdrücke in manchen Situationen nicht etwas passender wären.

In einer Zeit, in der Selfies, Shitstorms, Hashtags, Crowdfundings, Hipster und Smartphones unser Leben bestimmen, regieren und in den Untergang führen, gehören „Rautetasten“, „Mobiltelefone“, „Hasstiraden“ und „Spinner, die mit ihren unnützen Hornbrillen, Schlauchschals im Hochsommer, Jutebeuteln und Reclam-Heftchen rumrennen und Jeden fragen, ob in dem Kaffee Stevia drin und der vegetarische Bagel aus biologischem Anbau ist“ der Geschichte an. Gut, manche Begriffe bringen die entsprechende Erscheinung passend auf den Punkt, mit manchen meißelt man peu a peu das Sterbedatum der deutschen Sprache, Kultur und Literaturvergangenheit in ihren Grabstein. Blame and shame!

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1 Kommentar

  1. Ein sehr guter Artikel und vollkommen richtig. Jede Jugend hatte ihre eigene Sprache, aber das heute hat mit „deutsch“ nichts mehr zu tun. Viele die dafür sind die Sprache so zu verhunzen, sollten sich einmal alte Briefe aus dem Ersten oder auch aus dem zweiten Weltkrieg lesen, mir geht es hier nur um die Zeit. Die Wortwahl, die Ausdrucksweise und die Wortgewandtheit gibt es heute nicht mehr. Leider. Es liest sich schön, und hört sich noch schöner an. Selbst Menschen aus der Unterschicht hatten verwendeten Wörter die heute keiner mehr kennt oder kennen will.

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