Petry Heil und die tragische Figur Lucke

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Petry Lucke AfD
Bernd Lucke, Frauke Petry - blu-news.org - CC BY-SA 2.0

Büchners Zwischenruf

Es ist etwas Schreckliches passiert, etwas das man kaum im Worte fassen kann, aber trotzdem muss. Ich bin eines Morgens aufgewacht, setzte mich an meinen Zwischenruf, der in weiten Teilen seit der Gründung des „Weckrufs 2015“ bereits vorlag und nur auf die Veröffentlichung wartete, dann ist es passiert. Auf einmal war ich der gleichen Meinung wie Jakob Augstein, doch nicht nur der gleichen Meinung, sondern unsere Gedanken scheinen sich beim Thema Bernd Lucke fast wie eineiige Zwillinge zu gleichen. In S.P.O.N. – Im Zweifel links: „Die Geister, die er rief“, schreibt er: „Bernd Lucke hat einen schlimmen Verdacht: Die AfD ist eine rechte Partei. Aber rechts will Lucke nicht sein“ und erkennt gleichzeitig „Lucke hat die Leute eingeladen, die sich an der Welt rächen wollen.“ Recht hat er. Nun bleibt mir nichts anderes als die Gedanken Augsteins zu erweitern, ganz frei nach Martin Luther „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“.

Ich bin mir sicher, wenn sich später jemals ein Autor die Mühe machen sollte das Leben des Bernd Lucke schriftlich festzuhalten, wird er vor einem massiven Problem stehen. Von Bernd Lucke wird nicht viel mehr übrig sein als die „Gründung“ der AfD, eine Partei, die der frustrierte habilitierte Christdemokrat nur ins Leben gerufen hatte, um seinen Kollegen aufzuzeigen, dass er ja eigentlich immer schon Recht hatte und vor allem mehrheitsfähig ist. Aus dem Ego-Projekt ist inzwischen allerdings ein Selbstläufer geworden, geleitet von den Geistern, die er rief, aber wohl nie wirklich haben wollte. So ähnelt die ganze Geschichte Luckes und „seiner“ AfD doch der Komposition der Ballade des Zauberlehrlings von Goethe:

1.Überheblichkeit und Wichtigtuerei
In der CDU verzweifelte Lucke an der alternativlosen Politik seiner Kanzlerin. Diese war für ihn vollkommen unlogisch, schließlich war er doch ein habilitierter Ökonom und konnte mit dem Taschenrechner aufzeigen, dass das Rettungsprojekt scheitern müsse. Der Zugang zu Politik und ein Verständnis für Politik, die schließlich nicht nur auf Zahlen aufbaut, sondern auch auf Kompromissen, strategischen Erwägungen, Symbolen und der Schaffung eines positiven Außenbildes, fehlte ihm gänzlich. Sein Politikverständnis des Homo-Oeconomicus, das den Menschen mit in all seinen Fehlern, Gefühlen und Gedanken auf eine rein mathematische rationale Komponente reduzierte, verschaffte ihm keine Mehrheit, trotz akademischer Aufrufe, Brandbriefe und Interviews als Wirtschaftsprofessor.

2.Umsetzung des Vorhabens
Die Gründung der AfD war mehr oder weniger der Versuch, sein persönliches Verständnis von Politik mehrheitsfähig zu machen. Dabei wollte er nicht viel mehr als eine konservativ-gefestigte CDU mit einer anderen Euro-Politik. Doch für eine Partei bedarf es leider mehr als nur eines Themas einer Person. Unterstützung fand der Intellektuelle bei zunächst anderen unzufriedenen Intellektuellen wie Joachim Starbatty, Hans-Olaf Henkel, Konrad Adam und Frauke Petry.

3.Machtrausch
Die ersten Wahlerfolge trudeln ein, Lucke ist zufrieden, denn sein Thema ist die Hauptspeise „Nein zum Euro“, „Raus aus dem Euro“. Doch die ersten Beilagen, die er von seinen Kollegen zubereiten lässt, sind nicht mehr ganz so schmackhaft: „Wir sind nicht das Weltsozialamt“, das auch ProNRW und NPD plakatieren und das unaufhörliche Werben für Volksentscheide und eine neue Regelung der Zuwanderung. Aber, so dachte er wahrscheinlich, solange die Wahlen funktionieren und er es ist, der die Regeln macht und für die AfD spricht, sind die kleineren Kollateralschäden durchaus verkraftbar.

4.Angst und Verzweiflung
Lucke rief und die Geister kamen und fingen an, sich selbständig zu machen. Frauke Petry erkannte relativ schnell, dass Bernd Lucke das „Feeling“ für Politik fehlt. Nie hat er es geschafft, sich rhetorisch aus dem Vorlesungssaal zu verabschieden oder erkannt, dass emotionale Politik viel wirkungsvoller ist als das Aufsagen von Zahlen und Formeln. Plötzlich erscheinen rechte Thesenpapiere, erzkonservative Familienmodelle werden auf Parteitagen diskutiert und statt sachlicher, rationaler Politik hetzten Parteimitglieder auf Parteitagen gegen Minderheiten. So hatte er sich das sicher nicht vorgestellt, aber er ist doch schließlich der Vorsitzende, also kann auch er das Ganze wieder unter Kontrolle bringen, durch gutes Zureden.

5.Hilfloses Schimpfen
Nichts will so wirklich funktionieren. Aus der euro-kritischen Partei ist in der Öffentlichkeit längt eine Protestparteitag geworden, die Rechte und Konservative aus allen Teilen der Republik fischt. „Stümperhaft“ habe die Parteiführung bisher gearbeitet, schimpft Sprecher Bernd Lucke (zeit.de) und meint damit weniger sich selbst, sondern die anderen, die es nicht geschafft haben, seine Vorstellung von Politik nach außen zu tragen. Doch die Ursache liege nicht nur bei dem Bundesvorstand, sondern vor allem bei den Medien, die ihn vollkommen falsch wahrnehmen: „Von Bild bis FAZ werde die AfD „an den Pranger gestellt“, schimpft Lucke. „Ich finde es beschämend, dass niemand, kein Politiker, kein Journalist, kein Intellektueller sich je für uns in die Bresche geworfen hat.“ (taz.net)

6.Verzweiflungstat
Der demokratische Versuch, sein Ego-Projekt nach vorne zu bringen, ist endgültig gescheitert. Seine politisch feinfühligen und weitaus geschickteren Sprecherkollegen haben längst das Ruder übernommen und haben erkannt, dass sich die AfD nicht als Partei der Mitte halten wird, sondern durch die Stimmen aus dem rechten Rand und der Erz-Konservativen lebt, die endlich eine Partei wählen können, die nicht mit einem Igitt-Faktor belegt ist wie die NPD oder DVU. Der alleinige Machtanspruch eines Vorsitzenden und eines weisungsgebundenen Generalsekretärs war auf dem Parteitag im Januar als Satzungsänderung der letzte Versuch, das Ruder wieder an sich zu reißen.

7.Hilferuf
Bernd Lucke hat erkannt, dass die Geister, die er rief, längst erkannt haben, dass sie ihn nicht mehr brauchen. Er hat das Fundament für eine euro-kritische CDU gelegt, das nun endgültig mit einer ressentimentspielenden Partei weit rechts der Mitte bebaut wird. Treffend bilanziert ein Parteimitglied bei einer Veranstaltung mit Lucke in Osnabrück: „Er könne sich gar nicht mehr dazu bekennen, Mitglied der AfD zu sein, meinte ein anderer, weil er sich sofort dem Vorwurf ausgesetzt sehe: „‘Du bist ja ein Rechter‘“ (noz.de). Der Streit zwischen Petry, Adam und Lucke ist eskaliert, das Vertrauensverhältnis ohnehin futsch. Mit dem Weckruf 2015, der auch wieder beweisen soll, dass Lucke ja eigentlich immer schon Recht hatte und vor allem mehrheitsfähig ist, wird sich zeigen, was er dazugelernt hat oder auch nicht.

Was einzig und allein offen bleibt, ist die „Rettung durch den Zaubermeister“ – habe ich vielleicht einen Player vergessen?

 

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Schreibt seine Kolumne "Moralokratie"


1 Kommentar

  1. Reiner Schöne

    Lucke wollte seine Partei, zur Freude seiner Gegener, landfein machen, weg vom Rechten Image. In seinen Augen war es richtig, nur politisch gesehen, die AfD ist weder rechtsextrem, nochrechts, sondern eher in der Nähe der früheren CSU, denn das hat diese Partei leider vergessen. Aber gerade wegen dieser politischen AUsrichtung wurde sie gewählt, sie war ehlich und direkt. Durch das weichklopfen Luckes, und die neue Ausrichtung bestand kein Unterschied mehr zu den anderen Parteien und das hat Deutschland zur genüge.

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