Gratismut trifft Gotteswahn

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P_religion_world_violet - Przykuta - CC BY-SA 3.0

Von der Scheinheiligkeit der Religionsdebatte hierzulande

Wer mich kennt, weiß das meine Haltung zum Christentum vornehm formuliert als gesunde Verachtung beschrieben werden kann. Trotzdem finde ich mich jetzt in der ungewohnten Rolle wieder, den Katholizismus ebenso wie die anderen konservativen christlichen Strömungen hierzulande in Schutz nehmen zu müssen.

Nicht, weil seine gesellschaftlichen Positionen in irgendeiner Weise schutzwürdig oder erhaltenswert wären, sondern weil in der Debatte hierzulande mit zweierlei Maß gemessen wird. Bricht im Netz ein massiver Shitstorm los, wenn etwa mal wieder ein seniler katholischer Gerontokrat seine homophobe Weltsicht öffentlich macht, wie jüngst in Lettland geschehen, herrscht im ‚juste milieu‘ der Kulturschaffenden, irgendwas-mit-Medien-Menschen und Social-Networkern meist dröhnendes Schweigen, wenn ein Imam hierzulande gleiche Positionen vertritt. Ist es selbst für einen erzkonservativen Lutheranerpfarrer von altem Schrot und Korn beruflicher Suizid, wenn er sich Luthers vorsichtig formuliert ambivalente Haltung zum Judentum öffentlich zu eigen macht, wird meist noch nicht einmal mit der Wimper gezuckt, wenn beim Freitagsgebet in der Moschee eimerweise antisemitische Propaganda über der Gemeinde ausgekippt wird, die dann bei der nächsten Gelegenheit mit fröhlicher Selbstverständlichkeit losmarschiert und lautstark „Juden ins Gas“ brüllt.

Warum also diese Ungleichbehandlung? Hier wirken zwei klassisch linke Denkmuster zusammen – der Kulturrelativismus und die Opfer-Täter-Dichotomie.

Was ist der Kulturrelativismus, mag sich so mancher jetzt fragen. Einfach formuliert besagt das Konzept, dass nur weil Werte und Normen in Europa – oder wahlweise der westlichen Welt – zum zivilisatorischen Grundkonsens gehören, dies für nichtwestliche Gesellschaften und deren Mitglieder noch lange nicht gelten muss und es arrogant wäre, dies anzunehmen oder zu verlangen. Seinen Ursprung hat dieser Gedanke in der berechtigten Kritik an der imperialistischen Weltsicht der Europäer während der Kolonialepoche, die noch Jahrzehnte nach der Dekolonialisierung in Folge des zweiten Weltkriegs in den Köpfen nachwirkte. Während der Gedanke bei Brauchtum und Tradition durchaus seinen Wert hat – es macht mich nicht zum besseren Menschen, wenn ich statt Silvester das chinesische Neujahrsfest feiere – führt er, wenn auf ethische Standards wie die Menschenrechte angewendet, in ziemlich trübe Fahrwasser.

Auch wenn sie aus einer ganz anderen Richtung kommen, führt der Kulturrelativismus im ethischen Bereich zu einer herablassend-paternalistischen Haltung gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen, die vielleicht wohlmeinend daherkommt, sich aber im Kern nicht von der Einstellung des viktorianischen Kolonialbeamten unterscheidet, der der festen Überzeugung war, dass „der [hier rassistisches Pejorativ der Wahl einfügen] geistig zu beschränkt ist, um die Werte der europäischen Zivilisation zu verinnerlichen.“

Die universelle Gültigkeit der Menschenrechte ist eben dies – universell. Und ebenso wenig wie wir akzeptieren sollten, dass ein ostdeutscher Neonazi qua Herkunft eine carte blanche für rassistische Handlungen und Äußerungen erhält, sollten wir auch nicht einem Mitbürger mit türkischer oder arabischer Herkunft durchgehen lassen, dass er durch seine Sozialisation nicht anders könne, als Antisemit zu sein.

Die Täter-Opfer-Dichotomie zielt in eine ähnliche Richtung. Es ist faszinierend, dass gewisse Teile des linken Mainstream davon ausgehen, dass nur weil jemand aufgrund eines Merkmals diskriminiert oder verfolgt wurde, der- oder diejenige automatisch von jedem Verdacht erhaben ist, seinerseits selber andere Mitmenschen anzugreifen, nur weil sie zu einer bestimmten Gruppe gehören. Um es mal zu konkretisieren: Nur weil ein Kosovo-Albaner während des Kosovokriegs von rassistischen Serben bedroht wurde, heisst es nicht, dass er nach der Unabhängigkeit nicht mit größter Selbstverständlichkeit an der Verfolgung der Sinti und Roma im Kosovo beteiligt war. Und nur weil ein muslimischer Jugendlicher aus Neukölln sicherlich hierzulande Diskriminierungs-Erfahrungen machen musste, ändert es im Zweifel nichts an der Tatsache, dass er ein homophober, sexistischer und antisemitischer Prolet ist.

Zum Schluss noch einmal ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in der Religionsdebatte. Es gibt Islamophobie, die Menschen vorverurteilt, nur weil sie dem Islam anhängen, aber es gibt auch Islamkritik, die sich mit der Religion selbst auseinandersetzt, und die genauso gerechtfertigt ist wie jede andere Kritik an organisierter Religion. Diese Kritk kann übrigens auch von jedem geäußert werden, der sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat, genauso wie bei jeder anderen gesellschaftlichen Diskussion nicht nur unmittelbar Betroffene das Recht auf Meinungsäußerung haben.

Natürlich ist es bequemer, sich am reaktionären katholischen Klerus abzuarbeiten oder den pietistischen Fundamentalismus der Evangelikalen zu verspotten, aber die Tatsache, dass wir Christen- und Judentum in jahrhundertelangem gesellschaftlichen Streit halbwegs stubenrein bekommen haben und den totalitären Verfügungsanspruch der organisierten Religion mehr oder weniger erfolgreich abgewehrt haben, ist kein Argument dafür, dass man den Islam oder andere Religionen schonen müsse, weil sie noch keine Reformation durchgemacht hätten. Im Gegenteil, nur durch ehrliche und unüberhörbare Kritik an den bestehenden Verhältnissen kann der nötige Druck aufgebaut werden, um längst überfälligen Veränderungen zum Durchbruch zu verhelfen. Und da in weiten Teilen der islamischen Welt solche Kritik durch die klerikalfaschistische Elite in den Ländern noch gnadenlos verfolgt wird, ist es umso wichtiger, dass wir in Europa uns der Diskussion stellen und uns keinen schlanken Fuß machen.

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2 Kommentare

  1. Johannes Fritz

    Guten Tag Herr Pergande,
    einen in großen Teilen klarsichtigen Artikel haben sie geschrieben. Das Rad der Islamkritik kann man freilich
    nicht neu erfinden und so ist mir der Content dann auch seit ein paar Jahren bekannt.
    Aber richtig ist er, auf dem mohammedgrünen Auge sind sie blind, die Gutmenschen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ein pietistisch geprägter und das Bashing gewohnter Christ

  2. Reiner Schöne

    Bei aller Kritik, bei aller Aufregung für oder gegen eine Religionen, so sehe ich immer noch das Religion privat Sache ist. Jedem sollte seine Religion überlassen bleiben, und wenn einer als Religion es richtig findet Steine an zu heulen, ist es seine Sache. Sie wird erst Gesellschaftssache, wenn die Religion versucht sich Menschenopfer zu suchen oder mit Gewalt Menschen dazu gezwungen werden diese Religion auszuüben. Fakt ist nur, diese Religion um die es hier geht bzw. deren Anhänger, versuchen Europa zu ihren Gunsten zu Gunsten dieser Religion, zu ändern bzw. Europa zu beeinflussen. Europa bzw. hier in Deutschland müssen sich alle Einwohner plötzlich nach diese Religion richten, nicht in dem sie in die Moschee gehen, sondern, man darf das nicht, es werden Badezeiten geändert, stellenweise wird die Mode vorgeschrieben und, und. Wir Europäer müssen uns ändern um eine Religion in Deutschland den Vortritt zu lassen. Und das kann es nicht sein. Keine andere Religion aus fremden Ländern hat das je verlangt, und ist so auch in Deutschland „normal“ geworden.

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