Wo bleibt der Voltaire der Umweltbewegten?

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Umweltbewegten
Voltaire - J.D. Falk - CC BY-SA 2.0

Wir schreiben das Jahr 1755. Es ist der 1. November – Allerheiligen – und die gläubigen Christenmenschen Lissabons strömen in Scharen in die Kirchen. Was den Lissabonern zum Verhängnis werden sollte, ist ein Erdbeben der Stärke 9,0 vor der portugiesischen Atlantikküste. Was den Erdstößen nicht zum Opfer fällt, wird von den ausbrechenden Großbränden in Schutt und Asche gelegt, und was selbst von diesen verschont blieb, wird vom heraneilenden Tsunami dem Erdboden gleichgemacht.

Moment, fragt sich vielleicht so mancher Leser spätestens zu diesem Zeitpunkt: Was hat dieser Geschichtsexkurs mit Voltaire oder gar der Umweltbewegung zu tun?

Die Antwort ist eigentlich recht simpel, wenn man die Bedeutung dieses Ereignisses für die theologischen und philosophischen Debatten jener Zeit kennt. Die damals gerade in voller Blüte stehende Bewegung der Aufklärung nahm das Erdbeben von Lissabon und seine Folgen zum Anlass, um sich unter anderem kritisch mit der Idee auseinanderzusetzen, dass derartige Naturkatastrophen ein göttliches Strafgericht darstellen, um die Menschheit für ihr sündiges Verhalten zu verurteilen.

Voltaire nutzte etwa die Satireschrift ‚Candide‘, um Leibniz‘ Idee, dass diese Welt „die beste aller möglichen Welten“ sei und als Lösung für die Theodizeefrage herhalten sollte, gründlich zu zerlegen.

Das bis dahin zumindest im christlichen Abendland vorherrschende Welt- und Menschenbild lässt sich am ehesten als misanthropischen Anthropozentrismus umschreiben.

Alles dreht sich um den Menschen, er ist Mittelpunkt und Krone der Schöpfung als Gottes Ebenbild – also ein klarer Anthropozentrismus.

Der Mensch ist aber auch seit dem Sündenfall sündig und schlecht, und wird vom strafenden Gott zur Rechenschaft für seine Missetaten gezogen – eine misanthropische Weltsicht mit theologischer Verbrämung.

Nimmt man diese beiden Gedanken zusammen, ergibt sich ein atemberaubend arrogantes und zugleich selbstkasteiendes Weltbild, in der Sturmfluten, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Missernten, Seuchen, Dürren und andere Naturkatastrophen, auf die der Mensch nur sehr bedingten Einfluss hat,  auf einmal durch persönliches Fehlverhalten verursacht werden und eine gerechte Strafe für einen sündigen Lebenswandel darstellen.

Und damit wären wir auch schon bei dem harten ideologischen Kern der Umweltbewegung angekommen. Denn genau dieser voraufklärerische misanthropische Anthropozentrismus geistert bei vielen der führenden Aktivisten im Kopf herum. Auch wenn die wenigsten unter ihnen sich heute noch auf den strafenden Gott der abrahamitischen Tradition berufen, so ist doch bei vielen Mutter Natur an dessen Stelle gerückt und zieht die Menschheit für ihre Sünden zur Verantwortung.

Wer sich die einschlägigen Standardwerke der Umweltbewegung zu Gemüte führt und die Argumentationslinien in Debatten etwa zum Klimawandel betrachtet, dem wird rasch auffallen, dass es einen erbitterten Widerstand gibt, sich auch nur mit der Idee auseinanderzusetzen, dass es für Umweltveränderungen eine andere Ursache als menschliches (Fehl-)Verhalten geben könnte.

Ich spreche hier nicht von lokalen Veränderungen deren kausale Entwicklung genau nachverfolgt werden kann, wie etwa die Fabrik, die ihre ungeklärten Abwässer in den Fluss einleitet, an dem auf einmal die Fische tot an der Oberfläche treiben.

Aber wer bei Umwelt- oder Klimaveränderungen kontinentalen oder gar globalen Ausmaßes ausschließlich den Menschen als treibende Kraft sieht, ist auf seine Art und Weise genauso atemberaubend selbstgefällig wie der mittelalterliche Gelehrte, der sich selbst als Krone der Schöpfung und Ebenbild des Schöpfers betrachtet hat.

Anders als damals können wir es uns aber nicht leisten, dass Aberglauben, moralistische Selbstkasteiung und anthropozentrischer Tunnelblick uns den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Wenn wir die Herausforderungen einer immer stärker vernetzten Welt mit steigender Bevölkerung und wachsendem Ressourcenverbrauch langfristig meistern wollen, brauchen wir auch eine objektive Sicht auf die Umweltprobleme unserer Welt, um zu entscheiden, was wir menschlichem Fehlverhalten zu verdanken haben, das korrigiert werden muss, und was ein natürlicher Prozess ist, dem wir uns nach besten Mitteln anpassen müssen, wenn wir überleben wollen. Deshalb braucht es dringend einen neuen Voltaire, der der Umweltbewegung den Spiegel vorhält und sie wieder für die Ideale der Aufklärung zurückgewinnt.

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