Integration, Religion und andere Missverständnisse

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sleeping - Andreas Kollmorgen - CC BY 2.0

Das Kopftuchverbot für Lehrerinnen und Lehrer an öffentlichen Schulen ist seit einigen Wochen wieder aufgehoben. Quasi über Nacht haben daher nun alle Lehrkräfte unabhängig von ihrem religiösen Hintergrund die Chance ergriffen, endlich eine Kopfbedeckung tragen zu dürfen: deutsche Schulen im Ausnahmezustand. In Klassenräumen sieht man plötzlich Bauarbeiterhelme, Trinkmützen, Schirmmützen, Gebirgsjägermützen und ähnliches – oder nicht? Die Diskussion um die Aufhebung des Kopftuchverbots ist nicht nur ein wenig diffus, sondern sie wird auch von den Moralokraten als ein Meilenstein der Integration gefeiert – Gott oder wer auch immer bewahre!

Wie dem auch sei, ist das Lieblingsthema der Moralokraten die Integrationspolitik. Neben Fußball und Bahnfahren gibt es schließlich kein anderes Thema, bei dem in Deutschland gut 81 Millionen Experten hysterisch aufspringen, wenn die politische Fütterungszeit naht. Es haben sich allerdings diejenigen zu den Wortführern der Integrationsdebatte ernannt, die aus Emotionen Profit schlagen. Und so lässt sich mit dem Kampfbegriff „politisch korrekt“, der allerdings nicht mehr ist als eine leere Worthülse, so manche Diskussion im Keim ersticken. Was der Begriff eigentlich beinhaltet, bleibt eine Eigendefinition, die immer so gekonnt angepasst wird, wie es gerade genehm ist. So kann bei den Moralokraten die ja vielleicht sogar berechtigte Forderung auf das Recht des Tragens eines Kopftuchs im öffentlichen Dienst durchaus politisch korrekt sein, während man dagegen die Kritik an dem Verschleierungszwang und an der Unterdrückung der Frau bei Staatsbesuchen in androkratischen Ländern gekonnt unter den Tisch fallen lässt – , denn auch das ist politisch korrekt, da das Verletzten von „religiösen Gefühlen“ wiederum nicht politisch korrekt wäre, wobei das Kopftuch ja auch rein gar nichts mit Religion zu tun hat, wie man aus den entsprechenden Kreisen lernt. Wer jetzt neugierig geworden ist, den warne ich aber vor der Google-Suche: der Begriff darf nämlich nicht mit der Satire-Seite Political-Incorrect-News verwechselt werden.

Aber zurück zu Kopftuch, Religion und Integration. Was geht uns eigentlich der Kleidungsstil unserer Mitbürger an, oder was stört den volkstümlichen Gaststättenbewohner an der Teilverschleierung des weiblichen Haupthaares so sehr, dass er anfängt AfD zu wählen? Zugegeben, ein Kopftuch fällt in der Fußgängerzone mehr auf als ein farbenfroher Fischaufkleber am Auto, der darauf hinweist, dass der Fahrer im Ernstfall noch seine letzte Ölung erhalten möchte. Aber de facto ist beides legitim und der Fußgänger oder der nachfolgende Autofahrer muss damit leben. Betreten wir aber nun ein Gericht oder eine öffentliche Schule, also einen Ort an den man zwangsläufig gehen muss, hat die Religion vor der Tür zu warten. Gemäß der Argumentation der renitenten Rauchgegner hat in einem Raum, der von allen betreten werden muss und nicht umgangen werden kann, die Zigarette und damit auch die Religion nichts verloren. Die Errungenschaft, die Religionsfreiheit fest in der Verfassung verankert zu haben, meint sowohl die positive als auch die negative Religionsfreiheit, wobei letztere in der Debatte unerklärlicherweise in den Hintergrund rückt. Mein persönliches Recht als Bürger dieses Staates umfasst auch die Freiheit von Religion, wenn ich anderen ihre Freiheit zu Religion gewähre. Durch Grundlage der Trennung von Religion und Staat endet mit dem Betreten einer staatlichen Einrichtung die religiöse Einflusssphäre. Ein jeder Schüler muss ebenso das Recht haben, seine gesamte Schulzeit von Religion unbehelligt zu überstehen. Wenn er oder sie sich entscheidet, eine Schule in öffentlicher Hand zu besuchen, haben sich die Lehrerinnen und Lehrer ihrem Dienstherren, dem säkularen Staat, zu beugen und alle religiösen Symbole abzulegen: ob es sich jetzt um ein orthodoxes, mennonitisches oder muslimisches Kopftuch handelt, um eine Kippa, ein Kreuz oder eine Ordenstracht. Wer hier aufgrund einer angeblich abendländischen Kultur eine Ungleichbehandlung zu Gunsten von christlichen Symbolen fordert, hat nichts verstanden. Die „abendländische Kultur“ gewährt im Privaten allen Religionsfreiheit und nicht nur sich selbst und ebenso die Freiheit von Religion. Sobald die Trägerschaft also eine private (!) ist, hat sich die Diskussion zu erübrigen.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist auf Basis dessen einerseits verständlich, da eine Benachteiligung einer einzelnen Gruppe mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung unvereinbar ist. Andererseits schwächt das BVerfG bei hysterischem Beifall der Moralokraten durch die Begründung den säkularen Staat, der eigentlich auch die negative Religionsfreiheit zu berücksichtigen hat. Eine „religiös-pluralistische Gesellschaft“ sollte nicht mit einem „säkularen Staat“ verwechselt werden.

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1 Kommentar

  1. Reiner Schöne

    In einer Schule, haben religiöse Symbole nichts zu suchen, so wurde auch das Kreuzverbot damals erklärt und durchgesetzt. Heute scheint diese Ansicht leider nicht mehr zu gelten ein Schelm wer böses denkt. Integration hat allerdings auch nichts mit einem Kopftuch zu tun, auch ein religiöses nicht. Integration beginnt mit den Menschen der in ein anderes Land kommt, entweder ich möchte mir dieses Land als neue Heimat aussuchen, oder ich bleibe wo ich bin. Wenn ich dennoch in das Land gehe, muss ich mich den Gepflogenheiten und Gesetzen in dem neuen Land anpassen, nicht unterwerfen, nein anpassen. Wer das nicht kann sollte da bleiben wo er herkommt, klingt hart ist aber so. Schließlich kann ich nicht erwarten das sich 60 Millionen Menschen mir unterordnen auch wenn mit mir noch 8 Millionen kommen. Die Mehrheit liegt immer noch in dem Land. Es ist ja nicht so das seit 1950 nur Deutsche in Deutschland wohnen, es gab schon immer sog. Ausländer, nur haben die sich sehr gut in Deutschland zurecht gefunden. Siehe z.B. die Japaner, Inder, Engländer, Amerikaner und es gab schon Afrikaner. Alle sind gekommen, alle hat man zum Teil nicht einmal bemerkt als sie kamen. Und jetzt? Moslems aus aller Herrenländer, die plötzlich Ansprüche stellen, obwohl immernoch in der Minderheit, versuchen das Leben in Deutschland zu ändern zu ihren Gunsten. Auf die Dauer wird es nicht gut gehen, eine solche gespannte Lage habe ich in Deutschland noch nicht erlebt.

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